
Der Blick in den menschlichen Körper: Das Berliner Medizinhistorische Museum der Charité verfügt über eine der weltweit größten Präparate-Sammlungen – vom Zeh bis zur Schädeldecke
Morbus Recklinghausen? Ewing-Sarkom? Vermutlich können sich nur Fachleute ein wenigstens ungefähres Bild von diesen Krankheiten machen. Doch wie sehen die körperlichen Veränderungen, die sich hinter diesen Bezeichnungen verbergen, in der Realität aus? Im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité kann sich jedermann die Antworten selbst anschauen. Denn dort sind rund 1000 Objekte ausgestellt, die jährlich rund 80.000 Besucher faszinieren: pathologisch-anatomische Feucht- und Trockenpräparate sowie Modelle und Abbildungen.
Das Spektrum ist so weit wie die menschliche Krankheitsgeschichte selbst: Da winden sich gigantische Bandwürmer in Formalin, es wird gezeigt, wie sich ein Hoden infolge einer Tuberkulose-Erkrankung verformt, und an einer ganzen Reihe von Schädeldecken werden die Auswirkungen der Syphilis verdeutlicht. Das Ziel ist, dem Mediziner ebenso wie dem interessierten Besucher besonders typische Krankheitsbilder nahezubringen, die ihm einen Einblick in die krankhaft en Veränderungen des menschlichen Körpers ermöglichen.
Mehr als 10.000 Objekte umfasst der Fundus des Medizinhistorischen Museums inzwischen. Nur ein Zehntel davon kommt in die ständige Ausstellung. Der Rest steht insbesondere Studenten als Lehrmaterial zur Verfügung. Mit ihrer Hilfe soll das Anschauungsvermögen entwickelt und die Fähigkeit zur richtigen visuellen Beurteilung geschult werden.
Wie wichtig dazu die entsprechenden Präparate sind, hatte der Mediziner Rudolf Virchow erkannt. Er war schon Mitte des 19. Jahrhunderts davon überzeugt, dass sich vom toten Körper weitreichende Rückschlüsse auf Ursache, Wesen und Verlauf von Krankheiten ziehen lassen. In dem Aufsatz „Cellular-Pathologie“ führte er damals aus, dass die Der berühmte Virchow-Hörsaal, in dem der Berliner Mediziner seinerzeit seine Studenten unterrichtete: Er steht auch heute noch für Veranstaltungen im Medizinhistorischen Museum der Charité zur Verfügung Zellen die kleinsten lebendigen Einheiten im menschlichen Körper bilden. Nach Virchow stammt jede Zelle aus einer Zelle, und Zellverbände sind Zusammenschlüsse von „gleichberechtigten, aber unterschiedlich begabten Individuen“. Alle Krankheiten könnten folglich auf Veränderungen von Körperzellen zurückgeführt werden. Eine Erkenntnis, die heute als Meilenstein auf dem Weg der Heilkunde zu einer naturwissenschaft lich untermauerten modernen Medizin gilt.
Für seine Präparate-Sammlung, die er selbst sein „liebstes Kind“ nannte, ließ sich Virchow von englischen Vorbildern inspirieren. In den dort gegründeten Medizinschulen waren etliche kleinere Präparate-Sammlungen entstanden. Sie dokumentierten meist das Arbeitsgebiet eines Pathologen. Und während es zuvor meist um das Abbild eines normalen, gesunden Körpers gegangen war, so veränderte sich die Perspektive im 19. Jahrhundert nachhaltig: Lehrreich, so Virchow, sei vor allem die Veränderung gegenüber dem Gesunden.
Sein „Pathologisches Museum“ eröff nete Virchow am 27. Juni 1899. Schon damals gehörte es zur Charité und umfasste 20.833 Präparate. Eine Größenordnung, die der damaligen Reputation der Charité als einem Weltzentrum der Medizin entsprach. Doch der größte Teil der Präparate ging in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs verloren, als Brandbomben das Museum schwer beschädigten.
Erst 1998 konnte das Gebäude wieder für die Ausstellung der Präparate-Sammlung genutzt werden, und seitdem steigt die Zahl der vorhandenen Exponate ständig an. Mit dem Ergebnis, dass heute wieder eine Sammlung von internationaler Bedeutung entstanden ist, die sogar den alten Arbeitstisch Virchows zeigt, an dem der Pathologe seinerzeit seine bahnbrechenden mikroskopischen Untersuchungen machte.
Informationen unter: www.bmm.charite.de







