

- Dr. Eckart von Hirschhausen (40) studierte Medizin und Wissenschaftsjournalismus. Seit über zehn Jahren ist er als Kabarettist, Humortrainer und Autor präsent. Sein erstes Buch, das Langenscheidt Wörterbuch „Arzt-Deutsch / Deutsch-Arzt“ wurde ein Bestseller. Im April erschien „Die Leber wächst mit ihren Aufgaben“ mit seinen besten Texten im Rowohlt-Verlag. Nebenstehend veröffentlichen wir einen Auszug. Alle Tourtermine und weitere Infos unter: www.hirschhausen.com
Unser Hirn wird dummerweise ohne Gebrauchsanweisung ausgeliefert. Intuitiv gehen die allermeisten Menschen falsch damit um. „Es gibt keinen gesunden Menschen. Nur Patienten, die noch nicht richtig untersucht wurden.“ Eine alte Medizinerweisheit. Deshalb ist und bleibt Gesundheit das höchste Gut. So hoch, dass es nie zu erreichen sein wird. Und damit ist auch klar, dass höchste Summen ausgegeben werden, um ihm näher zu kommen. Je älter wir werden, desto länger können wir uns kostenintensiv dagegen sträuben, dass der Mensch sterblich ist. Und Schönheit vergänglich. Allein, was plastische Chirurgie für ein Wachstumsmarkt ist! Statistisch ist jeder dritte Mensch hässlich. Schauen Sie jetzt einmal unauff ällig nach rechts und links. Und wenn die zwei Menschen neben Ihnen eigentlich ganz okay aussehen, ja dann… Wenn Sie jetzt ein bisschen schmunzeln mussten, dürfen Sie weiterlesen. Dann haben Sie Humor. Lachen ist die beste Medizin. Als Arzt und Kabarettist habe ich mit Begeisterung die spannenden Thesen in diesem Heft gelesen und erlaube mir, einige Ideen beizusteuern.
HEALTH SELLS Diese Prognose stimmt ganz sicher für die nächsten 500 Jahre. Vor 500 Jahren hieß es noch „Hell sells.“ Das gute Gewissen erwirbt man aber längst nicht mehr von der Kirche, sondern von Fitnessstudios. Der moderne Ablasshandel versucht, sich nicht von Qualen im Jenseits freizukaufen, sondern von Anstrengungen im Diesseits. Heute sind nur noch Sahnetorten „Sünden“, derer wir uns schämen. Zur Hölle mit dem Jenseits! Was interessiert mich das Fegefeuer, wenn ich heute noch irgendwie 1000 Kalorien verbrennen muss? Jeder Schokoriegel bringt mehr Energie zurück, als ich vor dem Computer den ganzen Tag loswerde. „HILFE! Health! Health!“
Ein symptomatisches Produkt der letzten Jahre war Xenical. Eine Abführpille, die gezielt das Fett, das ich oben in mich reingestopft habe, unten unverdaut wieder ausscheiden sollte. Geniale Idee, aber in der praktischen Durchführung doch nicht richtig kundenfreundlich. Aber der Ansatz war wegweisend: Am meisten werden Menschen auch in Zukunft für das Versprechen ausgeben, gesünder zu werden, ohne etwas dafür ändern oder tun zu müssen. Wer will noch einen persönlichen Coach, wenn es auch eine Pille tut, die ich auf der Couch einnehmen kann? Eine geschlossene Wertschöpfungskette: Die Fitnesspille bestelle ich im Fernsehen und nehme sie vor der Glotze auf dem Sofa ein. Und nur der Fernseher ist Zeuge, dass ich trotzdem nicht jünger werde.
Anti-Aging? Die ewige Jugend. Was wird da nicht alles versprochen. Hormone, die der Körper aus gutem Grund nach der Wachstumsphase nicht mehr in großen Mengen herstellt, werden künstlich zugeführt. Die Erwartungen wachsen in den Himmel. Die Renditen auch. Nur die blöde alte Körperzelle verweigert sich der schönen neuen Welt. Unter uns – das Blödeste, was passieren könnte, wäre, dass Anti-Aging irgendwann funktioniert! Denn die meisten Medikamente wirken auf den Körper, nicht aber auf den Geist.
Das Hirn wird nämlich durch die Blut-Hirn-Schranke sehr sorgsam von allen möglichen Fremdstoffen abgeschirmt. Mal angenommen, ein Anti-Aging-Präparat wirkt wirklich, dann wird Ihr Körper immer jünger, aber Ihr Kopf altert weiter vor sich hin. Irgendwann hat man Alzheimer, aber just dann kommt der Körper wieder zurück in die Pubertät. Plötzlich kannst du wieder – weißt aber nicht mehr, warum. Das wünsche ich niemandem!
BLINDES VERTRAUEN Aber tatsächlich tut sich viel in der Hormonforschung. Oxytocin beispielsweise, ein Botenstoff im Hirn, der Vertrauen schafft. Oxytocin wird ausgeschüttet bei der Geburt. Damit die Mutter das Kind annimmt, egal, wie das Kind aussieht. Die Natur ist gnädig. Oxytocin wird auch beim Stillen ausgeschüttet und auch beim Orgasmus. Deshalb ist die Welt nach dem Sex auch immer so herrlich in Ordnung. Meistens. Dieser soziale Klebstoff lässt sich inzwischen synthetisch herstellen. Und testen. Die chemische Vertrauenskeule ist bereits in winzigen Spuren wirksam, selbst bei Menschen, denen wir natürlicherweise misstrauen, bei Versicherungsvertretern. Wurden Verträge mit einem Hauch Oxytocin präpariert, unterschrieben in einer Studie deutlich mehr Opfer als ohne den chemischen versprühten Charme. Beängstigend. Wenn das Zeug in falsche Hände gerät! Dann kannst du niemandem mehr trauen! Noch nicht mal dir selbst. Das Gehirn und seine Gefühle zu manipulieren, ist ein Menschheitstraum. Denn was nützt mir der schönste Körper, wenn ich mies drauf bin? Und immer nur Wellness ist auch keine Lösung. Für ein Wochenende ist es ja nett, aber will jemand wirklich drei Wochen am Stück nur massiert werden? Das ist nicht der Himmel, das ist die Hölle. Spätestens nach fünf Tagen schreist du: „Haut ab mit dem Öl, ich kann es nicht mehr sehen!“ Der Grenznutzen von massierenden Händen ist begrenzt. – Wie werden wir trotzdem im Kopf glücklicher?
GEBRAUCHSANLEITUNG FÜRS GEHIRN Mit grossen Schritten und kleinen Molekülen kommen wir der Manipulation unserer Stimmungen immer näher. Ob wir in zehn Jahren Antidepressiva ins Trinkwasser tun oder unsere schönsten Erinnerungen direkt im Kopf mit der Photoshop-Software noch verschönern können, eine Tatsache bleibt unverändert: Den grössten Einfluss auf unser Gehirn und unsere Gefühle haben immer noch wir selber. Unser Nervensystem ist die komplexeste Struktur im ganzen Universum. Dummerweise wird das Hirn ohne Gebrauchsanweisung ausgeliefert. Intuitiv gehen die meisten Menschen falsch damit um. Sie sagen sich: Ich möchte mir diesen komplizierten Apparat möglichst lange frisch erhalten, indem ich ihn möglichst selten einsetze. Falsch. Das geht gar nicht. Egal, was wir tun, verändern wir uns. Und wenn wir es nicht bewusst tun, tun wir es unbewusst. Wir werden mit hundert Milliarden Neuronen geboren, die nur eins wollen: Sich vernetzen. Denn sie kennen das eherne Gesetz für Hirnzellen: Use it or lose it. Was nicht verwendet und vernetzt wird, wird eingestampft. Das gilt bis hinein in jede Verbindungsstelle, jede Synapse. Aber das ist nichts Neues, den Effekt kannten schon Menschen vor 2000 Jahren. Marc Aurel sagte: „Auf die Dauer der Zeit nimmt die Seele die Farbe der Gedanken an.“ Schöner hat seitdem keiner mehr den Begriff Neuroplastizität formuliert. Doch: Ödön von Horváth: „Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komm so selten dazu!“
SEXY SCHILDDRÜSEN Wer kennt das nicht: Eigentlich bin ich sehr sportlich, ich hab halt nur die letzten zwanzig Jahre keine Gelegenheit dazu gehabt. Psychoanalytikern reicht es, wenn du als Kind mal davon geträumt hast, Sportler zu werden, das hält ein Leben lang. Dummerweise ist das Hirn Verhaltenstherapeut und sagt sich: Wir sind nicht, wofür wir uns halten, sondern wir sind, was wir oft tun. Zwangsläufig prägt uns unsere tägliche Routine, zum Beispiel im Beruf, stärker, als wir es selber merken. Die Zeit als Arzt hat meinen Blick auf Menschen grundlegend verändert. Immer wenn ich eine schöne Frau mit einem tiefen Dekolleté sehe, wo schaue ich automatisch hin: auf die Schilddrüse. Und zwar so lange, bis sie einmal schluckt, dann erst sieht man die Grösse. Heute halte ich viele Vorträge, das heisst auch: viele Nächte in Hotels. Neulich stehe ich bei mir in Berlin vor meinem eigenen Bett, starre aufs Kopfkissen und wundere mich – warum liegt da keine Schokolade? Meine Schwester ist Mathelehrerin, neulich sagt sie, ohne zu überlegen, im Supermarkt zur Kassiererin: „Das haben Sie sehr schön zusammengerechnet. Und jetzt das Ganze noch mal ohne den Apparat!“
FORM WAS SCHÖNES! Berufe, die Sinn stiften, machen Menschen glücklicher als andere Berufe, wo es schwer ist, einen Sinn drin zu sehen. Allen voran: Juristen. Eine der reichsten Berufsgruppen auf diesem Planeten und zugleich eine der miesepetrigsten. Warum? Sie trainieren ihr Hirn auf Pessimismus, auf Katastrophen-Denken. Den Tag über strengen sie sich an: Was könnte aus dieser harmlosen Formulierung mal in der Zukunft, wenn ich die übelsten Motive der Gegenpartei unterstelle, für ein Haken werden? Dummerweise gehen die mit dem gleichen Hirn auch nach Hause. Da begrüsst sie der Partner mit was Harmlosem: „Schön, dass du da bist.“ Der Jurist liegt noch nachts wach und denkt nur eins: Wo ist der Haken? Das Hirn ist plastisch – form was Schönes draus. Das ist der beste Rat, den ich Ihnen geben kann. Denn: Wenn Sie es nicht machen, verformen es andere. Und wer weiss, ob dann der „soul service „ rechtzeitig vor Ort ist.
Und eins noch – in jedem Selbsthilfebuch steht ein Tipp: „Sei einfach du selbst.“ Das wünsche ich niemandem. Noch nicht mal mir selbst.



