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Seit mehr als 50 Jahren werden in Berlin und den fünf östlichen Bundesländern Krebsfälle dokumentiert – mittlerweile sind es über 2,7 Millionen. Damit ist das Gemeinsame Krebsregister (GKR) eine der größten Datensammlungen auf dem Gebiet der Krebsepidemiologie. Seine Daten sind auch die Basis für den ersten Krebsatlas Berlin

Illustration links: Krebshäufigkeit, bezogen auf Berliner Durchschnittswert (in Prozent). Foto unten: Mediziner bei der Beurteilung von Röntgenaufnahmen. Ganz unten: ein Blick auf die ersten Krebsregister, die vor rund 50 Jahren angelegt wurden

Es ist ein Atlas, der aufhorchen lässt. Als die Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher (Die Linke) Anfang Juli 2007 den aktuellen Berliner Krebsatlas der Öffentlichkeit vorstellte, präsentierte sie gleichzeitig alarmierende Informationen: Immer mehr Menschen sterben in der Bundeshauptstadt an Lungenkrebs. Vor allem Frauen leben mit deutlich erhöhtem Risiko. Die Zahl der Lungenkrebspatientinnen ist in Berlin doppelt so hoch wie in anderen östlichen Bundesländern. Und weil die Statistiker die Stadt erstmalig in 447 kleine Planungsgebiete eingeteilt hatten, wartet der Berliner Krebsatlas mit weiteren Erkenntnissen auf, die vor allem die Bewohner in sozial schwachen Stadtgebieten aufhorchen lassen: Wer dort wohnt, lebt mit einem im Vergleich zum Durchschnitt sehr viel höheren Risiko, an Krebs zu erkranken.

Die Entstehung dieses Werks ist aber nicht nur der Arbeit der Statistiker zu verdanken. Es sind vor allem die akribisch zusammengetragenen Daten des Gemeinsamen Krebsregisters (GKR) zu Tumorerkrankungen und Sterbefällen in Berlin, die ihm Gehalt verleihen. Das GKR ist mit seiner Dokumentation von über drei Millionen Krebsfällen eine der größten Datensammlungen im Bereich Krebsepidemiologie im In- und Ausland und Herausgeber des Krebs-Atlas.

In Deutschland ist die epidemiologische Krebsregistrierung in Landesgesetzen geregelt. Einige Register besitzen eine lange Tradition wie das GKR, das heute von den Ländern Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Th üringen betrieben wird. Es gehört –neben Hamburg – zu den ältesten. Diese unter schiedlichen Gesetze sind Folge des bundesdeutschen Föderalismus. Seit 1980 existiert auch ein bundesweites Kinderkrebsregister, das eine Kombination von epidemiologischem und klinischem Krebsregister darstellt und auf freiwilliger Basis betrieben wird. Ausgewertet werden die Daten bundesweit von der „Dachdokumentation Krebs“ des Robert-Koch-Instituts. Die Wurzeln des GKR reichen bis in die Anfänge der DDR. 1953 entstand dort das Nationale Krebsregister. Auf Basis der gesetzlichen Meldepfl icht wurden ab diesem Zeitpunkt landesweit alle bösartigen Neubildungen erfasst. Nach der Wende war die rechtliche Situation des Krebsregisters zunächst unklar. Eine gesetzliche Meldepfl icht gab es nicht mehr, was die Beteiligten stark verunsicherte. Das Ergebnis: Die Melderate sank deutlich. Sie stieg erst wieder an, als Berlin und die fünf neuen Bundesländer 1992 beschlossen, das Register mit seinem Datenbestand als Gemeinsames Krebsregister weiterzuführen. Damit hatte die einzigartige Datensammlung des Nationalen Krebsregisters eine Zukunft .

Häufigkeit von Krebserkrankungen bezogen auf Berliner Durchschnittswerte.
Das Gemeinsame Krebsregister der neuen Bundesländer und Berlins hat seinen Sitz an der Brodauer Straße in der Bundeshauptstadt. Foto unten: Die Einrichtung der Umweltzone am inneren S-Bahn-Ring ist ein wichtiger Schritt in Richtung Krebsprophylaxe. Die Auswertung der GKR-Daten ist wichtig für Planung und Umsetzung weiterer Präventivstrategien

Der Staatsvertrag, der 1999 zwischen den beteiligten Bundesländern geschlossen wurde, sichert die Arbeit des GKR langfristig ab. „Die flächendeckende bevölkerungsbezogene Krebsregistrierung ist wichtige Grundlage für Ursachenforschung. Sie gewinnt vor allem vor dem Hintergrund der weltweiten Zunahme von Krebserkrankungen immer mehr an Bedeutung“, sagt Christine Anding, Mitglied des Verwaltungsausschusses des GKR in Thüringen. Voraussetzung für eine wissenschaftliche Nutzung bevölkerungsbezogener Krebsregister ist die möglichst vollzählige Registrierung aller im Einzugsgebiet auftretenden Krebs-Neuerkrankungen auf hohem qualitativem Niveau.

„Es sollten schon über 90 Prozent sein“, sagt Berlins Gesundheitssenatorin Lompscher. Auf dieser Basis könne ein epidemiologisches Krebsregister Fragen beantworten wie „Wie viele Menschen erkranken jährlich im Einzugsgebiet an Krebs?“, „Welche Krebsformen sind die häufigsten bei Frauen und Männern?“, „Gibt es regionale Unterschiede in den Erkrankungsraten?“ und „Welcher Anteil erkrankter Patienten überlebt wie lange?“

Wie die Antworten aussehen, zeigt der aktuelle Krebsatlas Berlin. 2004 erkrankten 14.568 Menschen – 2002 waren es 1040 Fälle weniger. Brustkrebs ist die häufigste Tumorart bei Frauen, Lungenkrebs bei Männern. Der Atlas zeigt deutliche lokale Unterschiede bei den Neuerkrankungsraten, die auch mit dem Sozialstatus zusammenhängen. Lompscher: „Besonders belastet sind die Innenstadt und deren umliegende Bereiche. Dazu trägt aber auch der Feinstaub bei.“ Dass der innere S-Bahn-Ring zur Umweltzone erklärt wurde, ist ein wichtiger Schritt in Richtung Krebsprophylaxe. Die Auswertung der Daten ist wichtig für die Planung und Umsetzung von Präventionsstrategien. Deshalb appelliert die Gesundheitssenatorin an die Berliner Ärzte: „Die Krebsmeldepflicht, die seit 2004 in Berlin gilt, muss ernst genommen werden. Je gesicherter die Daten, desto wirkungsvoller können Prävention und Therapie der Krebserkrankungen sein.“

Infos unter: Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.krebsregister-berlin.de

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