
Auch Ärzte werden alt. Keine neue Erkenntnis, auf die hausärztlich-medizinische Betreuung ganzer Regionen hat der nahende Renteneintritt zahlreicher Mediziner aber erheblichen Einfluss. Versorgungslücken drohen – das Projekt AGnES soll dem entgegenwirken
Der Alterungsprozess der Gesellschaft macht vor Ärzten nicht halt. Laut einer Studie der Kassenärztlichen Bundesvereinigung Berlin wird in naher Zukunft etwa ein Drittel der Hausärzte in Rente gehen. Vor allem in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands fehlen Nachfolger, weil es junge Kollegen in den Westen zieht, wohin ein Großteil der Bevölkerung ohnehin abwandert. In Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg wird der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung bis zum Jahr 2020 deshalb bei mehr als 26 Prozent liegen. Mit dem Anstieg des Durchschnittsalters nehmen die altersassoziierten Erkrankungen zu. Das heißt: Die Einwohnerzahlen ostdeutscher Länder gehen zwar zurück, der medizinische Versorgungsbedarf in den Regionen bleibt aber mindestens gleich – bei wachsenden Versorgungslücken.
„Die Menschen haben aber Anspruch darauf, hausärztlich versorgt zu werden“, weiß Dr. Neeltje van den Berg vom Institut für Community Medicine der Universität Greifswald; „unter den derzeitigen Umständen ist er aber schwer zu erfüllen. Und daran ist die Bedarfsplanung der kassenärztlichen Vereinigungen nicht ganz unschuldig.“ Unter dem Titel „Community Medicine Nurses“ hat das Institut unter der Leitung von Prof. Wolfgang Hoff mann deshalb das Konzept eines „verlängerten Arms“ des Hausarzts entwickelt, dessen Effektivität seit 2005 im Modell getestet wird. Das Konzept hat verschiedene Gesichter, aber einen Namen: „AGnES“. Er steht für „arztentlastende, gemeindenahe, E-Health-gestützte, systemische Intervention“. Einfach ausgedrückt für die moderne Gemeinde- oder Telegesundheitsschwester, die Hausbesuche bei Patienten übernimmt, bei denen es vorrangig um Prophylaxe, Überwachung und Betreuung geht. Mittels modernster Kommunikationstechnik – wie Videoübertragung – steht sie in Verbindung mit dem Hausarzt, der nur bei Bedarf selbst vor Ort aktiv wird. Eine Konkurrenz zu den Pfl egediensten besteht nicht. Im Gegenteil – in mehreren Fällen wurde erst durch AGnES beziehungsweise durch die Gemeindeschwester bei Patienten ein erhöhter Pflegebedarf festgestellt und die Beauft ragung eines Hauspfl egedienstes unterstützt.
Van den Berg ist wissenschaftliche Koordinatorin des Projekts: „Die von uns und den Ärzten eingesetzten Kräft e haben seit dem Projektstart auf Rügen in mehreren Testphasen Patienten im Alter von 25 bis 98 Jahren betreut. Der Durchschnitt lag bei etwa 80 Jahren. Die Tätigkeiten der AGnES werden durch den Hausarzt koordiniert.“ Die Dokumentation der Arbeit sei standardisiert, um die spätere Auswertung zu erleichtern. Das heißt: Allen Patienten wurden die gleichen Fragen zu ihrem Befinden gestellt. Alle Informationen gehen direkt an die Universität Greifswald und an den Hausarzt.

- Schwester Gabi aus Lübbenau (rechts) und Schwester Lydia aus Waren gehören zu den Fachkräften, die das Projekt AGnES voranbringen sollen
Die Gemeindeschwester hat aber mehr zu bieten als das klassische „Wie gehts uns denn heute?“ Die Einsatzkräfte vor Ort in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt führen vor allem vom Hausarzt delegierte Tätigkeiten durch: impfen, Blutdruck messen und Informationen zur Sturzprophylaxe vermitteln. „90 bis 95 Prozent der Patienten sind mit AGnES sehr zufrieden“, freut sich Dr. Neeltje van den Berg über eine hohe Akzeptanz des Projekts. Die Zukunft der Gemeindeschwester ist zwar noch ungewiss, der Plan für die weitere Vorgehensweise steht aber schon fest: Ihre Rolle im Gesundheitssystem wird AGnES in Zukunft auf den Leib geschrieben. Parallel zu den derzeit laufenden Modellprojekten, in deren Rahmen die Anforderungen an ihre Tätigkeit ermittelt werden, hat das Institut für Community Medicine bereits in Kooperation mit dem Fachbereich Gesundheit und Pflege der Hoch schule Neubrandenburg eine entsprechende berufsbegleitende Qualifikation „Community Medicine Nursing“ entwickelt, die durch die Europäische Union gefördert wurde.
Ziel ist eine speziell auf die Arbeit in Hausarztpraxen zugeschnittene Weiterbildung für Pflegefachkräfte, zum Beispiel in den Bereichen Geriatrie, Medikamente, Epidemiologie, Prävention, Telemedizin und Dokumentation. Kernmodul ist und bleibt der Bereich des häuslichen Monitorings. Der kann noch dadurch ergänzt werden, dass telemedizinische Geräte beim Patienten verbleiben und direkt von ihm angewendet werden (zum Beispiel das Messen des Blutdrucks oder der Blutzuckerwerte). Sicher ist, dass es den Einsatzkräften nie an Aufgaben fehlen wird. Schwester AGnES hat Zukunft.
Infos unter:
www.medizin.uni-greifswald.de/icm
MEHR QUALITÄT DURCH PARTNERSCHAFTEN

- Die Universität Montreal schult in landesweiten Trainings
"Schwester AGnES" hat internationale Vorbilder.
„Nurses“ mit unterschiedlichen Tätigkeitsschwerpunkten arbeiten in den USA, den Niederlanden, Schottland und Schweden. Ein noch junges Projekt betreut die School of Public Health der Universität von Montreal (UofM): Dort bestehen seit 2007 Kooperationen mit Institutionen und Anbietern im Gesundheitswesen sowie der Medizinischen Fakultät der Universität von Quebec.
Sinn und Zweck der Partnerschaften ist es, das kanadische Gesundheitssystem und die in ihm angebotenen Dienstleistungen qualitativ zu verbessern. Dafür sollen Koordinatoren lokaler und regionaler Gesundheitszentren in landesweiten Trainings


