Interview
Diagnostik
Dr. Katrin Zeilinger und Prof. Dr. Jörg Gerlach
Handlicher Bioreaktor. Dr. Katrin Zeilinger (l.) und Prof. Dr. Jörg Gerlach forschen am BCRT an Alternativen zu Organtransplantationen. In einer speziellen Vierraum-Bioreaktor-Konstruktion (rechtes Bild) versuchen die BCRT-Forscher, Gewebe aus neu gewonnenen Zellen auch gleich die geeignete räumliche Struktur zu verleihen. Ausgangspunkt sind dabei zum Beispiel Stammzellen

Berlin, Stadtteil Wedding. Hier liegt auch der Virchow-Campus der Charité-Universitätsmedizin. Stadtpläne weisen an der Südspitze dieses Areals die Zahnklinik Nord aus. Doch an Zähnen arbeitet in diesen Gebäuden bald niemand mehr. Denn inzwischen hat eine ganz andere Einrichtung die Räumlichkeiten der Zahnmediziner in Beschlag genommen. Zumindest eine Sache hat sich dabei aber prinzipiell nicht verändert. Auch den heutigen Insassen der – bald ehemaligen – Zahnklinik geht es vor allem um Erhaltung und Wiederherstellung, um Regeneration. „Berlin-Brandenburg Center for Regenerative Therapies“ (BCRT) heißt die Einrichtung, die 2006 einen Teil der Räumlichkeiten der alten Zahnklinik bezogen hat.
Bei der Erforschung regenerativer Therapien geht es ganz generell um die Entwicklung von Prozessen, die dem Körper erlauben, krankes oder verletztes Gewebe zu erneuern und so die Funktion von Organen aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen. Entsprechende Ansätze des BCRT betreffen ganz unterschiedliche Organe oder Körperbereiche, vom Herzen über die Leber bis zu Knochen und Nervensystem. Beispiel Herzinsuffi zienz. Diese Schwächung des Herzmuskels, die zum Beispiel nach einem Herzinfarkt zurückbleibt, ist eine häufige Todesursache. Ein Risiko, das verringert würde, wenn es gelänge, das angeschlagene Gewebe zu regenerieren.

Lässt sich ein geschwächter Herzmuskel eventuell wieder regenerieren? Wie das gehen könnte, untersucht das BCRT-Team von Dr. Carsten Tschöpe

Genau daran arbeitet Dr. Carsten Tschöpe. Der Kardiologe, der seit über zehn Jahren an der Charité forscht, leitet am BCRT das Forschungsfeld „Kardiovaskuläres System“. Er und sein Team untersuchen derzeit, inwieweit sich das durch einen Infarkt geschwächte Gewebe durch gezielte Gabe bestimmter Zellen aus dem Knochenmark regenerieren ließe. „In Tierversuchen wurden solche Zellen bereits im Herzen nachgewiesen“, so Tschöpe. „Sie kommen dort also off ensichtlich ganz natürlicherseits vor, möglicherweise im Zuge der vom Körper selbst initiierten Reparaturprozesse.“ Allerdings sei diese Menge sehr klein und diene vermutlich nur dazu, den ganz normalen Alterungsprozessen entgegenzuwirken, nicht aber zerstörtes Gewebe zu ersetzen. Für die Forscher am BCRT dennoch ein spannender Befund. „Wenn wir diesen Prozess besser verstehen und ihn durch geeignete Maßnahmen verstärken könnten, dann ließe sich auf dieser Basis vielleicht auch Infarktgewebe wiederaufb auen“, hofft Tschöpe.

Sein Team ist eine von insgesamt 23 Forschungsgruppen am BCRT. Und auch wenn das verbindende Element die „Regeneration“ ist, so erfolgt die jeweilige Forschung doch auf zum Teil ganz unterschiedlichen Gebieten. Neben dem Herz-Kreislauf-System sind vor allem das Nervensystem und die Leber die erklärten Schwerpunktbereiche am BCRT.

Auch wenn das Forschungszentrum noch ganz jung ist – das dort versammelte Wissen ist ein gewachsenes. „In Sachen regenerative Medizin haben wir in der Region ja schon seit einiger Zeit unheimlich viel Expertise versammelt“, erklärt Prof. Hans-Dieter Volk, Direktor des BCRT. „Als wir das BCRT gründeten, ging es uns vor allem darum, diese bisher verteilten Kräfte unter einem gemeinsamen Dach zu fokussieren.“ Die Idee zu dieser Bündelung geht zurück auf eine gemeinsame Initiative der Berliner Charité und der Helmholtz-Gemeinschaft. Für die ersten vier Jahre hat das BCRT vom Bundesministerium für Bildung und Forschung insgesamt rund 50 Millionen Euro an die Hand bekommen.

„Wir haben in der Region ja schon seit einiger Zeit unheimlich viel Expertise versammelt. Diese fokussieren wir jetzt unter einem Dach“

Das BCRT hat nicht nur verschiedene auf dem Gebiet der regenerativen Medizin tätige Arbeitsgruppen zusammengefasst; diese bleiben darüber hinaus auch weiterhin mit zahlreichen namhaft en externen Partnern vernetzt. Zum Teil agieren auch die Leiter der einzelnen Forschungsfelder in zweierlei Funktionen weiter – in ihrer bisherigen, etwa an der Charité wie im Fall von Carsten Tschöpe, und in ihrer neuen am BCRT. Zum Netzwerk gehören dabei nicht nur Berliner Einrichtungen wie die Charité, die Technische Universität oder das Deutsche Rheuma-Forschungszentrum, sondern auch Brandenburger Partner, etwa das Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam oder das GKSS-Institut für Polymerforschung in Teltow. Damit steht das „B“ in BCRT ausdrücklich für Berlin und Brandenburg.

Arbeit an Stammzellen im Reinlabor der Firma Pharmicell Europe. Das koreanische Biotech-Unternehmen Pharmicell hatte sich 2006 bewusst für Berlin als Europa-Standort entschieden, nicht zuletzt wegen der potenziellen Kooperationspartner vor Ort. Für das BCRT beispielsweise gewinnt Pharmicell derzeit Stammzellen aus Fettgewebe, um sie für den Einsatz zur Regenerierung von Herzgewebe oder Hirnzellen einzusetzen

Die Forscher am BCRT interessieren sich prinzipiell für jeden denkbaren weg, körpereigene Zellen therapeutisch nutzbar zu machen.

Ein wichtiges Anliegen des BCRT ist es, grundlegende Forschung frühzeitig auf die klinische Anwendung auszurichten. Das Forschungsfeld „Translational Technologies“ arbeitet ganz explizit an dieser Translation. Mit der angeschlossenen Charité-Sektion „Tissue Engineering“ verfügt der Bereich über eine Abteilung, die sich schon seit 14 Jahren auf die Entwicklung kommerzieller Produkte versteht. Dabei sind beispielsweise Knorpel- und Knochentransplantate entstanden, die heute über ausgegründete Firmen vermarktet werden. Derzeit forscht die Gruppe um Translational-Technologies-Leiter Dr. Michael Sittinger unter anderem an Wegen, den Körper bei der Selbstheilung von Arthrose zu unterstützen. „Wir kennen die geeigneten Vorläuferzellen im Körper und versuchen, diese gezielt in den geschädigten Knorpel zu lotsen und dort zur Bildung neuer Knorpelzellen anzuregen“, so Sittinger.
„Egal, ob körpereigene Stammzellen, spezialisierte Vorläuferzellen oder andere Zellen – unsere Forscher interessieren sich prinzipiell für jeden denkbaren Weg, körpereigene Zellen therapeutisch nutzbar zu machen“, betont BCRT-Direktor Volk. Das können auch Zellen aus dem Immunsystem sein. Beispiel Epstein-Barr-Virus (EBV). Viele Menschen sind von ihm infiziert, aber nur bei einem Teil führt dies zu einer Erkrankung, etwa zum Pfeifferschen Drüsenfieber. Das Immunsystem dieser Gruppe noch besser zu wappnen ist ein Ziel der BCRT-Arbeitsgruppe von Prof. Petra Reinke. Dabei bedienen sich die BCRTler eines raffi nierten Tricks – und bereiten die für die körpereigene Verteidigung wichtigen T-Zellen außerhalb des Körpers auf einen konkreten Feind im Körper vor. Dazu entnehmen sie einem Patienten zunächst B-Zellen, also jene Zellen, die auch für das Erkennen von Fremdkörpern zuständig sind, infi zieren diese im Reagenzglas mit dem EBV und vermehren sie dann. Danach geben sie T-Zellen desselben Patienten hinzu, um sie für das gezielte Attackieren der EBVinfizierten B-Zellen zu trainieren. „Mit den so spezialisierten T-Zellen leiten wir dann die Th erapie ein“, so Reinke.
Im Fall von EBV-Infektionen sind die klinischen Studien bereits weit fortgeschritten, aber das ist nicht der einzige Ansatz. „Wir arbeiten auch bei Hepatitis C, Zytomegalie oder bei multipler Sklerose an T-Zell-Therapien“, so Reinke. Mit den genannten und vielen weiteren Projekten am BCRT besitzt die Region einen echten neuen Leuchtturm in ihrer Forschungslandschaft. Einen weiteren unter vielen anderen.

Infos unter: Öffnet externen Link in neuem Fensterbcrt.charite.de

Professor Hans-Dieter Volk
Professor Hans-Dieter Volk, selbst Immunologe und seit 1993 an der Charité, ist seit 2006 Direktor des Berlin-Brandenburg Center for Regenerative Therapies

EXZELLENZ DURCH VERNETZUNG

Die Region Berlin-Brandenburg genießt international schon lange einen guten Ruf auf dem Gebiet der regenerativen Medizin. Bereits in den 90er-Jahren gab es erste Initiativen, und 2002 schlossen sich 15 regionale Institutionen mit über 50 einzelnen Arbeitsgruppen zur Regenerative-Medizin-Initiative Berlin (RMIB) zusammen.
2006 nahm dann mit dem Berlin-Brandenburg Center for Regenerative Therapies (BCRT) ein weiteres Bündnis seine Arbeit auf. Auch hierin sind über 15 institutionelle Partner vernetzt, darunter die Berliner Charité, die Technische Universität und die Freie Universität Berlin, das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin, das GKSS-Forschungszentrum Teltow oder das Max-Planck-Institut für molekulare Genetik.
Doch dabei wurden nicht nur bestehende Forschergruppen zusammengefasst, zum großen Teil wurden die einzelnen Arbeitsgruppen auch neu eingerichtet und zusammengestellt. Als Folge der Vernetzung können bestimmte Aktivitäten, die für alle Beteiligten wichtig sind, etwa bildgebende Verfahren bei der Sichtbarmachung von Zellen oder die Nutzung von Zellbanken, gemeinsam gesteuert werden. Ein wichtiger Aspekt bei der Arbeit des BCRT ist die Überführung grundlegender Forschung in die konkrete klinische Anwendung neuartiger Therapien. Gerade aufgrund dieser „Translation“ ist BCRT-Direktor Professor Hans-Dieter Volk überzeugt, „dass der Ansatz des BCRT weltweit einmalig ist“.

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