
Leuchtendes Vergessen
Forscher arbeiten daran, Morbus Alzheimer besser und früher diagnostizieren zu können. Das wäre auch für eine optimale Behandlung hilfreich
Auf dem Monitor leuchtet das Gehirn in einem satten Gelb, einzelne Bereiche sind auch orange oder rot. Dr. Ludger Dinkelborg nickt zufrieden: „Was wir hier sehen, sind Eiweiß-Ablagerungen zwischen den Nervenzellen, sogenannte Amyloid-beta-Plaques. Dort, wo es rot ist, gibt es am meisten davon.“ Für den Menschen, von dessen Gehirn die Aufnahme stammt, ein tragischer Befund, denn die Ablagerungen sind charakteristisch für eine befürchtete Krankheit: Morbus Alzheimer.
Für Ludger Dinkelborg hingegen hat der Anblick auf dem Monitor auch eine gute Seite. „Solche Aufnahmen zeigen uns, dass wir die für Alzheimer typischen Amyloid-Plaques mit unserer neuen Substanz tatsächlich beim lebenden Menschen sichtbar machen können.“ Dinkelborg leitet bei Bayer Schering Pharma (BSP), der Pharmasparte im Bayer-Konzern, von Berlin aus die Forschung im Bereich Diagnostische Bildgebung. Wenn er von „unserer neuen Substanz“ redet, dann meint er BAY 94-9172.
Derzeit befindet sie sich in klinischen Studien. Dabei wird untersucht, ob die Substanz die bisher schwierige Diagnose von Morbus Alzheimer eventuell verbessern kann. Zu diesem Zweck wurde die Substanz eigens so konzipiert, dass sie nach der Injektion über die Blutbahn das Gehirn erreicht und sich dort gezielt an die alzheimertypischen Eiweiße anlagert. Kleine Mengen BAY 94-9172, im Bereich eines millionstel Gramms, reichen bereits aus, um ihren Aufenthaltsort – und damit das Amyloid beta – auch von außen sichtbar zu machen. Damit das gelingt, haben die Forscher die Moleküle der Substanz mit radioaktiven Fluor-Atomen gekoppelt. „Diese sind instabil und zerfallen in kurzer Zeit. Genau das sehen wir mit einer Spezialkamera“, so Dinkelborg. Positronenemissionstomographie (PET) heißt das Verfahren, das sogar ein dreidimensionales Abbild der Situation im Gehirn liefert. Was bei Alzheimer-Kranken gelb, orange oder gar rot erscheint, bleibt bei Menschen, die nicht an dieser Demenz-For, annähernd in der Farbe der Umgebung – violett.

- Die Farbe zeigt den Unterschied zwischen gesund (linker Monitor) und alzheimerdement (rechter Monitor). Dr. Ludger Dinkelborg (rechts) von Bayer Schering Pharma setzt große Hoffnungen auf die Substanz, die diesen Unterschied sichtbar macht
Für Neurologen wäre es ein gewaltiger Fortschritt, wenn sie eines Tages ein Instrument an die Hand bekämen, mit dem sie Demenz-Patienten ins lebende Gehirn schauen könnten. Bisher lassen sich manche Formen von Demenz nämlich erst nach dem Tod eindeutig nachweisen – dann, wenn man den Schädel öffnen kann und sich zum Beispiel die für Alzheimer charakteristischen Eiweißablagerungen eindeutig identifizieren lassen.
Aber das Vergessen hat eben viele Namen. Neben Alzheimer gibt es unter anderem noch die Lewy-Körperchen-Demenz, Morbus Pick, die von Durchblutungsstörungen geprägte vaskuläre Demenz oder auch die seltene Creutzfeldt-Jakob-Krankheit. Mögen für die Mitmenschen manche Symptome wie Gedächtnis-, Kommunikations- oder Orientierungsstörungen bei manchen dieser Demenz-Formen ähnlich erscheinen, so können die biochemischen Ursachen und Vorgänge im Gehirn der Betroffenen ganz verschieden sein. Und damit auch die jeweils optimalen Behandlungsansätze. Bisher sind Neurologen vor allem auf das Beobachten und Bewerten von Verhaltensphänomenen angewiesen. Das führt, bei gebührendem Zeitaufwand, zwar in vielen Fällen zu einer relativ verlässlichen Schlussfolgerung, ist aber aufgrund der Vielzahl an Demenz-Kranken schlichtweg nicht für alle mit der erforderlichen Gründlichkeit zu leisten. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft geht derzeit von 1,1 Millionen Demenz-Kranken in Deutschland aus und beziffert den Anteil der Alzheimer-Patienten daran mit etwa zwei Drittel. Das wären mehr als 700.000 Menschen. Aufgrund der beschriebenen Problematik letztendlich ein grober Schätzwert.
Damit ein Neurologe eine möglichst zielgerichtete und effektive Medikation verschreiben kann, wäre die exakte Diagnose sehr hilfreich. Dabei kann auch eine Ausschluss-Diagnose helfen. „Derzeit werden vermutlich auch Personen gegen Alzheimer behandelt, die eigentlich an einer anderen Demenz-Form leiden“, so Dinkelborg. Geld, das man sparen könnte, wenn eine verlässliche Diagnose Alzheimer ausschließen würde.

- Sichere Produktion: Das Arbeiten mit radioaktivem Fluor erfolgt in der „Hot Cell“
Eine weitere Hoffnung, die der Bayer-Forscher mit dem PET-Verfahren und BAY 94-9172 verbindet, ist eine besonders frühe Diagnose. „Das Verfahren ist extrem empfindlich und macht bereits kleinste Mengen Amyloid beta sichtbar“, so Dinkelborg. „Vielleicht sogar, bevor überhaupt Symptome auftreten.“ Nach früher Diagnose könnte man gegebenenfalls frühzeitig mit einer Behandlung ansetzen, um das Fortschreiten der Erkrankung aufzuhalten. Möglicherweise ist dieses Aufhalten sogar umso erfolgreicher, je früher man damit beginnt. Dann würde sich auch der Zeitpunkt verschieben, zu dem die Betroffenen in spezielle, sehr kostspielige Pflegeheime verlegt werden. Eine Alzheimer-Therapie im Sinne einer echten Heilung gibt es derzeit noch nicht. Aber auch daran wird intensiv geforscht. Und sollte es einmal so weit sein, wäre auch hier die zweifelsfreie Diagnose, am besten in einem frühen Stadium, unabdingbar für den effizienten Einsatz einer solchen Therapie.
Doch vorerst müssen die Studien mit BAY 94-9172 erfolgreich beendet werden. Ludger Dinkelborg rechnet noch für dieses Jahr mit dem Abschluss der Phase-II-Studie. Dann würde sich noch die klinische Phase III anschließen, ehe eine Zulassung beantragt werden könnte. Immerhin: Unter den derzeit klinisch untersuchten Ansätzen, Amyloid-beta-Ablagerungen diagnostisch sichtbar zu machen, ist der mit BAY 94-9172 am weitesten fortgeschritten.
Infos unter:
www.deutsche-alzheimer.de und
www.bayerscheringpharma.de


