Alzheimer-Diagnose
Spezial 1

Richtig handeln - Aber wie?

Der medizinische Alltag ist voll von ethischen Konfliktsituationen. Manche davon resultieren auch aus neuen technischen Möglichkeiten

Ärzte machen gesund, retten Leben und gelten als „Engel in Weiß“. Aber manchmal ist das Engel-Sein gar nicht so leicht. Ungeborenes Leben, Sterbehilfe, ökonomische Zwänge und vieles mehr werfen ethische Fragen auf und machen nachdenklich

In der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin der Charité-Universitätsmedizin Berlin ist der Umgang mit dem Tod vertraut. Viele Patienten, die dort auf die Intensivmedizin-Station am Campus Benjamin Franklin kommen, verlassen sie lebend nicht mehr. Doch trotz der vermeintlichen Routine ist der Übergang vom Leben zum Tod auch ein regelmäßiger Diskussionspunkt unter den rund 60 Ärzten, Schwestern und Pflegern. Wie lange darf, wie lange muss man einen todgeweihten Körper am Leben erhalten, wenn die technischen Möglichkeiten das hergeben? Ist es schon Sterbehilfe, wenn man diese Möglichkeiten nicht voll ausschöpft? Was ist noch lebenswert? Was ist überhaupt Leben?
Vor gut einem Jahr rief die Station eigens einen regelmäßigen Besprechungstermin für solche Fragen ins Leben: die ethische Teambesprechung. Einmal im Monat, direkt nach der Frühschicht, kommen die Kollegen für 60 bis 90 Minuten zusammen, um Antworten auf solche Fragen zu suchen. „Letztendlich findet man selten eine verbindliche Antwort auf solche Fragen“, räumt Stationsarzt Dr. Christian Reich ein, „aber für viele ist es auch einfach gut, sich über diese Dinge auszusprechen.“ An den monatlichen Ethik-Besprechungen nimmt auch Roland Kipke teil. Am Institut für die Geschichte der Medizin der Charité-Universitätsmedizin betreut der 37-jährige Philosoph den Forschungsschwerpunkt Medizinethik. Auf der Intensivstation am Campus Benjamin Franklin bringt er die Perspektive der professionellen Medizinethik in die Diskussion ein.

Wie lange darf, wie lange muss man einen todgeweihten Körper am Leben erhalten, wenn die technischen Möglichkeiten das hergeben?

In seinem beruflichen Alltag hat Kipke es nicht nur mit praktizierenden Medizinern zu tun, sondern auch mit angehenden Ärzten und Ärztinnen. So bietet er für Studenten etwa Seminare zur Einführung in medizinethische Probleme. Ein Semester lang beschäftigt sich der Medizinernachwuchs dann unter wissenschaftlicher Anleitung mit ethischen Implikationen von Gentechnik, Sterbehilfe, Abtreibungen oder Patientenverfügungen.
Solche Angebote „zur ethischen Qualifizierung“ sind inzwischen für alle Medizinstudenten in Deutschland fest vorgeschrieben. Und in der Tat ist der Beruf des Arztes in der Praxis in ethischer Hinsicht längst viel komplexer, als es etwa der Paragraf eins der ärztlichen Berufsordnung vermuten lässt, in dem es heißt: „Der Arzt dient der Gesundheit des einzelnen Menschen und der Bevölkerung.“ Wenn es nur so einfach wäre. Was etwa soll ein Arzt machen, wenn zwei seiner Patienten dringend ein Lebertransplantat benötigen, aber nur ein Spenderorgan verfügbar ist? Und was heißt es überhaupt, der Gesundheit eines Menschen zu dienen, wenn dieser Mensch seit Jahren im Koma liegt? Was ist zu tun, wenn eine Frau abtreiben möchte? Was, wenn Stammzellen eine Heilung versprechen, diese Zellen aber nur aus Embryonen gewonnen werden können? Und als wenn derartige Dilemmata noch nicht genug wären, hat es die moderne Medizin zunehmend mit Kostenaspekten zu tun. Herzschrittmacher, Bypässe, Stents, Herzklappenprothesen, lebenslange Insulin- oder Bluter-Therapien, Hüftprothesen auch für 90-Jährige, immer teurere Geräteparks für Operationssäle – all diese Entwicklungen bleiben nicht ohne Herausforderungen für jene, die das finanzieren. Und so wähnte Prof. Dr. Georg Marckmann das Gesundheitswesen in einem Beitrag für die Fachzeitschrift Gesundheitsökonomie & Qualitätsmanagement im Jahr 2007 dann auch „zwischen Skylla und Charybdis“. Marckmann, der sich am Tübinger Institut für Ethik und Geschichte der Medizin unter anderem mit der Zuweisung von Finanzmitteln beschäftigt, kam zu dem Schluss: „Angesichts der demografischen Entwicklung und der anhaltenden Fortschrittsdynamik stellt sich […] nicht mehr die Frage, ob medizinische Leistungen zu begrenzen sind, sondern lediglich, wie, das heißt, nach welchen Verfahren und Kriterien diese Begrenzungen in einer ethisch vertretbaren Form durchgeführt werden können.“ Man ahnt, dass man über die „ethisch vertretbare Form“ lange wird diskutieren können.

„Der Arzt dient der Gesundheit des einzelnen Menschen und der Bevölkerung“, § 1 der Berufsordnung für Ärzte und Ärztinnen

Modernere Heilmethoden und Hightech-Medizin auf der einen Seite, der Ruf nach Begrenzungen auf der anderen. Diesen Spagat kennen auch die Intensiv-Mediziner an der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin am Campus Benjamin Franklin. „Medizinische Entscheidungen werden zunehmend auch von ökonomischen Zwängen mitbeeinflusst“, räumt Christian Reich ein. Zum Glück habe man bisher aber deswegen keine wichtige Therapie vorenthalten müssen. Und noch etwas haben er und die Kollegen festgestellt: Manche ethischen Fragen resultieren überhaupt erst aus den neuen Möglichkeiten. Etwa indem es heute gelingt, einen Körper zu reanimieren, er dabei allerdings im Koma bleibt. Unter einem Mangel an Themen wird die monatliche „ethische Teambesprechung“ so schnell nicht leiden.

Infos unter: Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.charite.de/medizingeschichte/ethik