
Zukunft Jetzt!
Von Dr. Eckhard von Hirschhausen
"Ich wurde trübselig, als ich an die Zukunft dachte. Und so ließ ich es bleiben und ging Orangenmarmelade kochen. Es ist erstaunlich, wie es einen aufmuntert, wenn man Orangen zerschneidet und den Fußboden schrubbt."
- D.H. Lawrence

- Dr. Eckart von Hirschhausen (41) studierte Medizin und Wissenschaftsjournalismus. Seit über zehn Jahren ist er als Kabarettist, Humortrainer und Autor präsent. Im Februar 2009 erschien sein Buch „Glück kommt selten allein…“, aus dem der neben- stehende Auszug stammt.
Future Rose Garden. Hier entsteht ein Rosengarten.
Das ist Hoffnung. Seht, die Blüte ist nahe! Dieses Foto machte ich auf Madeira in einer Gartenanlage und musste herzhaft lachen. Denn es gibt kaum eine wichtigere ärztliche oder therapeutische Aufgabe, als zu sagen: „Das wird schon wieder!“ Das Wunderbare ist, beim Anblick des Fotos sprießen in unserer Vorstellung bereits die Knospen.
Damit die Hoffnung aber nicht trügt, muss sie halbwegs glaubwürdig sein. Man kann nicht im Nachhinein sagen: „Ich hab dir nie einen Rosengarten versprochen“, wenn man es getan hat. Zwischen blühenden Landschaften und blühendem Unsinn liegt oft nur das kleine Wörtchen „und“. Viele Wahrsager machen sich den gleichen Mechanismus zunutze wie Politiker: sich nicht festlegen, aber bei positiven Änderungen behaupten, dass man dafür verantwortlich ist. Vage Hoffnungen sind leichter zu erfüllen als präzise.
Die selbsterfüllende Prophezeiung ist deshalb eine Mogelpackung. Wir merken selten, dass wir selbst einen Beitrag geleistet haben, damit die Prophezeiung auch genauso eintritt. Wenn gewarnt wird: „Das Benzin wird knapp“, gehen alle tanken.
Und was passiert? Das Benzin wird in der Tat knapp, und alle Warner fühlen sich bestätigt. Der Mensch ist das einzige Tier, das an die Zukunft denkt, sagt der Psychologe Daniel Gilbert. Kein Maulwurf denkt beim Essen daran, dass er zu dick werden könnte, kein Elefant macht sich Sorgen um die Falten an seinen Augen, kein Panda meint: „Nächstes Jahr fahre ich ein größeres Auto.“ Nur wir Menschen malen uns die Zukunft aus und verbringen damit mindestens eine Stunde am Tag. Das kann mitunter ja sehr schön und erhellend sein, aber nicht für alle. Momentan glaubt nicht mal die Hälfte der Deutschen an eine bessere Zukunft. Weniger als drei Prozent meinen, dieses Land sei durch Politik reformierbar. Weniger als drei Prozent – wissen Sie, was das heißt? Nicht mal jeder Politiker! Wer zum Schwarzsehen neigt, macht sich damit die Gegenwart unnötig schwer.
Da macht man sich Sorgen, die für 200 Jahre reichen, aber die wenigsten werden tatsächlich so alt. Wie viel Zeit verbringen wir damit, über Dinge zu grübeln, die wir nicht mehr ändern können, oder vor Dingen Angst zu haben, die nie eintreffen werden! Was uns wirklich aus der Bahn wirft, haben wir meistens ohnehin nicht bedacht.
Gilberts Studien an der Harvard University zeigten, dass wir systematisch verzerren, und zwar sowohl die Vergangenheit als auch das, wovon wir glauben, dass es künftig noch passieren wird. Glücklicherweise sind die meisten dabei eher mit rosaroter als mit dunkler Brille unterwegs. Entgegen jeder Statistik glaubt die Mehrheit nicht daran, von etwas Häufigem betroffen zu sein: weder von einem Herzinfarkt noch einem Autounfall oder Zahnfleischbluten. Irgendwie denkt jeder, dass so etwas nur die anderen betrifft und unsere persönliche Zukunft besser sein wird als die Gegenwart.
Ist das nicht ein schöner Gedanke? Wir glauben, dass wir in Zukunft mehr Reisen machen werden als bisher, dass wir etwas Großes leisten werden, was dann auch in der Zeitung stehen wird, und dass unsere Kinder talentierter sein werden als die der anderen. Sogar Krebspatienten trotzen der Realität: Sie denken optimistischer in Bezug auf die Zukunft als gesunde Menschen. Das Prinzip Hoffnung wirkt wie ein antidepressives Medikament und lässt uns am Leben teilnehmen. Depressive schätzen ihre Möglichkeiten, die Gegenwart und Zukunft in bestimmten Bereichen zu verändern, realistischer ein als psychisch „Gesunde“. Daraus kann man tatsächlich folgern: Ein gewisses Maß an Selbstüberschätzung ist Teil seelischer Gesundheit. Und das fällt Männern grundsätzlich leichter als Frauen. Wird ein neuer Job ausgeschrieben, denkt der Mann viel eher, er sei der Richtige für diese Position, auch wenn er davon keine Ahnung hat. Von sich selbst überzeugt geht er ins Bewerbungsgespräch, bekommt sogar den Job, fällt auf die Schnauze und lernt im besten Fall dazu. Die Frau hält eher einmal zu viel als einmal zu wenig den Mund im Bewerbungsgespräch, weil sie sich realistischer einschätzt, bekommt aber auch den Job nicht.
Eine der größten Glücksfallen, in die ich regelmäßig tappe, ist die Idee, in Zukunft mehr Zeit zu haben als jetzt. Wie oft habe ich schon Freunde vertröstet mit den Sätzen: „Jetzt ist gerade viel los, aber nächste Woche, nächsten Monat, nächstes Jahr wird alles anders. Dann nehme ich mir weniger vor und halte mich ein bisschen mehr an das, was ich anderen immer predige.“ Diesen Vorsatz, mehr Zeit für Freunde zu haben und weniger zu arbeiten, schleppe ich seit ungefähr 20 Jahren mit mir herum, aber nächstes Jahr setze ich ihn um, ganz sicher. Mein kleiner Trost dabei ist: Auch hochbezahlte Experten, Manager und sogar Zukunftsforscher liegen mit ihren Prognosen genauso daneben wie Börsengurus oder andere dubiose Wahrsager oder Astrologen.
Nur sind Expertenirrtümer meistens teurer, vorher und nachher. Der Sony-Manager, dem seine Entwicklungsabteilung den Walkman vorstellte, sagte: „Wer will denn schon unterwegs Musik hören, das wollen die Leute zu Hause.“ Als die SMS als Abfallprodukt des Mobilfunks entwickelt wurde, sagten die Chefs: „Wer wird denn Textzeichen schicken, wenn er auch anrufen kann?“ Und 1984 urteilte die vertrauenswürdigste Institution Deutschlands, die Stiftung Warentest, wörtlich: „Unser Rat: Bevor Sie sich für den Kauf eines Heimcomputers entscheiden, überlegen Sie genau, was Sie damit tun wollen. Möglicherweise reicht für Ihre Zwecke ein simpler Taschenrechner. Für Heimcomputer gibt es nur wenig Einsatzmöglichkeiten.“ Und heute schicken wir Links zum Downloaden von Musik per SMS vom Computer aufs Handy. Unvorstellbar, dass sich das keiner vorstellen konnte, bis es so weit war.
Während ich dies schreibe, kann ich nicht wissen, wann Sie dieses Buch lesen, wie der Ölpreis dann gerade steht und wo die TSG Hoffenheim. Aber jeder will ein Guru sein, und rein statistisch wird auch irgendeiner aus dem Chor der Propheten mit seiner Prognose richtigliegen. Es ist nie dieselbe Person, und man kann nicht vorhersehen, wer es das nächste Mal sein wird. Gerade bei Börsenprognosen gilt: Wenn ein Experte sich wirklich sicher wäre, würde er das nicht öffentlich kundtun, sondern für sich im Stillen sein Wissen nutzen. So bleibt die einzig belastbare Vorhersage: Es kommt selten so, wie es die Mehrheit voraussagt.
Was heißt das für unser Glück? Wir glauben gerne, dass wir unser Schicksal beeinflussen können, wenn wir die Dinge selbst in die Hand nehmen. Wer seine Aktien selbst zusammenstellt, meint, erfolgreicher sein zu können als ein Fonds. Wir wollen beim Würfeln selbst den Becher schütteln und dreimal draufspucken können, dann fallen die Würfel anders. Glauben Sie das auch? Viele sind „aus dem Bauch heraus“ davon überzeugt, bei einer Lotterie eher zu gewinnen, wenn sie die Lose selbst ziehen könnten anstatt die Lottofee. Was wir von unserem Los tatsächlich in der Hand haben, ist eine große Frage. Und zu Recht ist das Gebet populär: „Gott gebe mir Kraft, Dinge zu tun, die ich ändern kann. Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden!“ Wir amüsieren uns als Erwachsene, wenn wir Kindern „schlaue“ Fragen stellen wie: „Was willste denn mal werden?“ Ein Vierjähriger sagt: „Baumkletterer“, weil er gerade die Freude am Baumklettern entdeckt hat. Das Kind ist ganz in der Gegenwart und unterscheidet nicht zwischen dem, was es jetzt für erstrebenswert hält und was später. Wir belächeln das, weil wir genau wissen, dass sich das „auswächst“. Aber wir Ausgewachsenen haben aus unseren eigenen Erfahrungen wenig gelernt und können zumeist genauso wenig unterscheiden, was aus unserer heutigen Sicht eine glückliche Zukunft sein wird und was wir uns aus Sicht der Zukunft heute wünschen sollten. Da könnte man doch auf die Palme gehen, wenn man denn wenigstens Baumkletterer geblieben wäre. […]
Der sicherste Weg, zu wissen, wie glücklich ein Mensch in Zukunft sein wird, ist, zu schauen, wie glücklich er jetzt im Moment ist. Und deshalb nehme ich mir für die Zukunft nur noch eins vor: mehr in der Gegenwart zu leben, Glück zu erleben, Freunde zu treffen, Zeit zuhaben.
Ab morgen!
Alle Termine zu Auftritten sowie weitere Infos unter:
www.hirschhausen.com



