
Fortschritt hilft sparen
Hightech-Medizin gehe häufig zulasten der Menschenwürde und führe die Gesundheitssysteme an die Grenzen ihrer Finanzierbarkeit. So heißt es oft. Jochen M. Franke, Geschäftsführer von Philips Healthcare Deutschland, macht eine andere Rechnung auf
Computertomographen von Philips schaffen es sogar in die Medien. Anfang des Jahres
etwa, als mit ihrer Hilfe die Mumie der ägyptischen Priesterin Meresamun in ihrem 2800 Jahre alten Sarkophag sichtbar gemacht werden konnte, ohne den Sarg zu öffnen. Was
hat das mit Healthcare zu tun?
Franke Natürlich sind derlei Anwendungen Nebenschauplätze für unsere
Geräte. Aber das Beispiel zeigt doch sehr schön, was mit bildgebenden Verfahren inzwischen möglich ist. Wir können Dinge detailgetreu sichtbar machen, die normalerweise nicht zugänglich sind. Dasselbe leisten unsere Computer- oder auch Magnetresonanztomographen und viele weitere Verfahren millionenfach im klinischen Alltag. Der sogenannte iCT-Scanner, der bei der erwähnten Mumienuntersuchung zum Einsatz kam, ermöglicht zum Beispiel eine hochwertige Herz-Aufnahme in weniger als zwei Herzschlägen. Damit bekommt der Arzt auch von Organen, die sich bewegen, gestochen scharfe Bilder – und damit wertvolle Informationen, die ihm zum Beispiel bei der Diagnose helfen oder auch bei der Bewertung eines Therapieerfolgs.
Vor über 100 Jahren hat Ihr Unternehmen mit der Herstellung von Röntgenröhren
für die Medizin begonnen. Bis heute verbessert Philips den Blick in den menschlichen Körper immer noch weiter. Worum geht es dabei noch?
Franke Aktuelle Weiterentwicklungen drehen sich zum Beispiel darum, gezielt bestimmte Organe sichtbar zu machen oder Krankheiten wie Demenz oder Krebs in einem möglichst frühen Stadium zu diagnostizieren. Da haben wir durchaus noch immer neue Ideen. Übrigens: Trotz der vielen technischen Weiterentwicklungen gehören Röntgenröhren bis heute zu unserem Sortiment. Jährlich verlassen etwa 9000 davon unser Werk in Hamburg.
Geht es bei den Weiterentwicklungen eigentlich immer um Verbesserungen bewährter Techniken, oder ersinnen Sie auch völlig neue Verfahren?
Franke Beides. So gibt es selbst bei der über 100 Jahre alten Röntgentechnologie immer noch Verbesserungen. Allein in der jüngsten Vergangenheit ist es bei vielen Anwendungen gelungen, die Strahlendosis, der ein Patient ausgesetzt ist, um bis zu 80 Prozent zu senken. Völlig neue Verfahren sind eher selten, aber auch das kommt vor. Magnetic Particle Imaging ist so ein Beispiel, von dem wir uns viel versprechen. Dabei nutzen wir die magnetischen Eigenschaften von Eisenoxid-Nanopartikeln, die ins Blut injiziert werden. Den jeweiligen Aufenthaltsort dieser Teilchen machen wir dann sichtbar. So lassen sich bisher nicht gekannte dreidimensionale Echtzeitbilder etwa vom Blutfluss oder von der Pumpbewegung des Herzens erzielen. Der Arzt wird damit bestimmte Dinge noch schneller und noch genauer sehen – und eine Behandlung, etwa nach einem Schlaganfall, noch präziser planen und auch rascher beginnen können.
Können Sie verstehen, dass Menschen Unbehagen verspüren, wenn sie zunehmend durch einen Maschinen-Park geschleust werden?
Franke Ja. Und wir machen uns in der Tat viele Gedanken dazu. Mit Lichtsystemen wie Ambient Experience versuchen wir, Räume, in denen beispielsweise ein MRT-Gerät steht, freundlich zu gestalten. Aber auch die Systeme selbst werden patientenfreundlicher. So haben wir vor einiger Zeit den ersten wirklich offenen Kernspintomographen auf den Markt gebracht. In ihm hat der Patient viel Bewegungsfreiheit und immer Blickkontakt mit Angehörigen oder dem medizinischen Personal. Dies verhindert Unbehagen – und beschleunigt auch die Untersuchung, da der Patient viel entspannter ist.
Wenn Sie immer neue Verfahren und Geräte auf den Markt bringen, dann muss jemand dafür bezahlen. Ist medizinischer Fortschritt auf Dauer überhaupt finanzierbar?
Franke Das scheint zunächst in der Tat ein Dilemma zu sein. Natürlich kosten neue Verfahren erst einmal Geld. Aber wir glauben, dass sich durch den gezielten Einsatz moderner Technik auch viel Geld einsparen lässt.
Wie zum Beispiel?
Franke Schon jetzt fallen fast 50 Prozent der Kosten im Gesundheitssystem bei der Versorgung der Patienten in den Kliniken an. Das wird schon sehr bald nicht mehr zu finanzieren sein, insbesondere vor dem Hintergrund einer wachsenden Zahl älterer Menschen. Moderne Technik kann hier helfen, eine günstigere dezentrale Versorgung aufzubauen. Menschen messen dabei zu Hause wichtige physiologische Werte selbst, und diese Daten werden dann aus der Ferne von Fachleuten überwacht – Stichwort Telemonitoring. Diese kontinuierliche Überwachung würde Unregelmäßigkeiten sofort registrieren, und Ärzte könnten schnell reagieren und zum Beispiel eine Medikation umstellen, noch ehe ein teurerKlinikaufenthalt nötig wird. Die moderne Informations- und Telekommunikationstechnologie bietet hierfür die entsprechenden Voraussetzungen. In Deutschland, den USA und in den Niederlanden gibt es auf Basis der Philips-Technologie MOTIVA bereits solche Telemonitoring-Plattformen.
Bei welchen Indikationen sind solche Telemonitoring-Ansätze sinnvoll?
Franke Zum Beispiel bei chronischer Herzmuskelschwäche. Allein in Deutschland sind immerhin rund 800.000 Personen davon betroffen – Tendenz steigend. Die Praxis hat gezeigt, dass von diesen Patienten rund 40 Prozent derer, die deswegen im Krankenhaus waren, innerhalb von sechs Monaten erneut in einer Klinik behandelt werden müssen. Zwei Drittel von ihnen deswegen, weil sie sich nicht an das Medikationsschema halten. Ein Telemonitoring-Konzept würde solche Fälle früh identifizieren, und ihnen könnte geholfen werden, ohne dass ein zweiter Klinikaufenthalt fällig würde.
Gibt es andere Beispiele, wo Technik hilft, Kosten zu sparen?
Franke Denken Sie an minimalinvasive Operationen. Dank moderner Bildgebung und geeigneter Werkzeuge lassen sich heute immer mehr Eingriffe mit der sogenannten Schlüssellochchirurgie durchführen. Der Patient muss nicht mehr großflächig aufgeschnitten werden – und kann das Krankenhaus viel früher wieder verlassen.
Wagen wir zum Abschluss noch einen Blick ins Jahr 2020. Was sind Ihre Visionen oder Wünsche: Welche technischen Möglichkeiten werden dann in der Medizin ganz selbstverständlich sein?
Franke Eine grundsätzliche Vision: möglichst viele Krankheiten möglichst früh zu diagnostizieren – und sie damit besser heilen oder sogar verhindern zu können. Dabei wird auch die molekulare Bildgebung helfen, die Einblicke in Stoffwechselvorgänge und deren Veränderungen erlaubt. Außerdem wird die medizinische Versorgung immer mehr Teil des Privatlebens. Eines Tages werden Menschen zu Hause nicht nur Blutdruck und Blutzucker messen, sondern viele weitere Werte.
Jochen M. Franke ist seit 2003 Geschäftsführer von Philips Healthcare Deutschland. Das Unternehmen gehört zu Royal Philips Electronics und zählt weltweit zu den führenden Anbietern von diagnostischen Bildgebungsverfahren und klinischen Informationstechnologien





