
Geburtshelfer für Innovation
Die Patentverwertungsagentur der Berliner Hochschulen ipal unterstützt Erfinder dabei, ihre Ideen auf den Markt zu bringen
Gehört die Angst vor dem Zahnarzt schon bald der Vergangenheit an? Wenn man die Aktivitäten an der Charité-Universitätsmedizin Berlin betrachtet, könnte man es fast glauben: Die Forscher haben eine Methode entwickelt, mit der Karies gestoppt werden kann – noch bevor an der Zahnoberfläche das bekannte „Loch im Zahn“ sichtbar wird.
Der Trick der Charité-Forscher nennt sich „Mikroinvasive Behandlung der Karies durch Kunststoffinfiltration“: Die durch den Karies verursachten winzigen Verletzungen des Zahnschmelzes werden bereits innerhalb des Zahnes mit dentalen Kunststoffen aufgefüllt. So wird ein Fortschreiten der Karies blockiert.
Hinter der neuartigen Idee stecken die Köpfe kluger Wissenschaftler. Doch zum Durchbruch verhalf ihr die Patentverwertungsagentur der Berliner Hochschulen ipal: Sie vergab die Lizenz zur Vermarktung der sinnreichen Erfindung exklusiv an ein Hamburger Unternehmen für Dentalprodukte. Das wiederum entwickelte gemeinsam mit der Charité die Erfindung bis zur Praxisreife weiter. Ab diesem Frühjahr können Zahnärzte das innovative Produkt zur Kariesprophylaxe in Form eines Applikationssystems erwerben.
Ein Beispiel, das zeigt: Forschungsdrang und Unternehmergeist, Erkenntnisorientierung und Marktausrichtung passen sehr gut zueinander. Das Problem ist nur: Oft finden sie von selbst nicht zusammen. Es muss jemanden geben, der sie zusammenbringt.
Brücken schlagen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft
ipal (Innovationen, Patente, Lizenzen) hat sich genau dies zur Aufgabe gemacht. Das 2001 gegründete Unternehmen ist so etwas wie ein Geburtshelfer für Innovationen. Außer der Charité-Universitätsmedizin Berlin vertrauen ihm viele weitere renommierte Einrichtungen ihre Erfindungen zur optimalen Verwertung an.
Zum Beispiel das Deutsche Herzzentrum Berlin. Das Robert Koch-Institut und das Paul-Ehrlich-Institut. Oder die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM).
Gesellschafter der Agentur sind die drei Berliner Universitäten, die beiden technischen Fachhochschulen und die Investitionsbank Berlin. Diese ist ein wichtiger Partner: Sie stellt die finanziellen Ressourcen zur Verfügung.
Die ipal versteht sich als Schaltstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft – und ist für Erfinder und Unternehmen gleichermaßen ein geschätzter Partner. Die Agentur hat sich längst etabliert und ist zu einer der führenden Patentverwertungsagenturen in Deutschland avanciert. Bis Ende 2008 wurden insgesamt über 1100 Erfindungen bewertet, 383 Patente angemeldet und 59 Verwertungsverträge abgeschlossen. Geschäftsführerin Ursula Haufe: „Von den Patenten, die die ipal betreut, stammen über 61 Prozent aus dem Bereich Life Sciences, wozu auch die Biotechnologie zählt, und rund 38 Prozent aus dem Bereich Physics & Engineering.“ Dass Forschergeist und Unternehmertum einander brauchen, daran kann es keinen Zweifel geben. Wissen ist die entscheidende Ressource moderner Unternehmen im globalen Wettbewerb – und Hochschulen und Forschungseinrichtungen sind dabei wichtige Quellen: Mit neuen Ideen und Erkenntnissen liefern sie den „Rohstoff“ für innovative Produkte und Verfahren.
Forschung als Innovationsmotor nutzen
Früher war es Professoren, Dozenten und wissenschaftlichen Assistenten freigestellt, die Früchte ihrer Arbeit patentieren zu lassen, zu verwerten oder nicht. Heute sind sie gesetzlich
verpflichtet, ihre Erfindungen der Hochschule zu melden. Damit hat an den Hochschulen eine neue Zeit begonnen – und eine neue Dynamik: Wissenstransfer gilt nicht mehr länger als Steckenpferd Einzelner. Stattdessen sind alle Wissenschaftler gefordert, ein Bewusstsein für das wirtschaftliche Potenzial ihrer Arbeit zu entwickeln – und ihr Wissen einer offensiven Vermarktung zu öffnen. Weil die Hochschulen und Forschungseinrichtungen die professionelle wirtschaftliche Verwertung jedoch nicht aus eigenen Ressourcen bewältigen konnten, entstanden bundesweit geförderte Patentverwertungsagenturen – wie die ipal. Die Berliner Hochschulen sind verpflichtet, die Anmeldungen ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiter an ipal weiterzureichen. Aufgabe der Agentur ist es dann, Technologien zu bewerten, Marktchancen zu evaluieren, Erfindungen zu schützen und Marktpartner zu finden.
Die Rolle des Geburtshelfers ist dabei alles andere als einfach. „Man muss die wissenschaftliche Seite verstehen und sich zudem in Patent- und Verrmarktungsangelegenheiten auskennen. Außerdem braucht man Verkaufstalent“, erläutert Marcel Tilmann aus dem Projektmanagement Life Sciences bei ipal.
Ideen prüfen und bewerten, schützen und nutzen
Schon die Bewertung der eingereichten Erfindungen verlangt hohe Kompetenz und Erfahrung im breiten Spektrum der Forschungs- und Technologiefelder. Bei der ipal prüfen erfahrene Naturwissenschaftler die Unterlagen. Unterstützt werden sie dabei von einem Netzwerk aus Fachleuten, Analysten und Patentanwälten. Gemeinsam erarbeiten sie Aussagen über die Patentfähigkeit und das wirtschaftliche Potenzial der eingereichten Idee: ein Abwägungsprozess zwischen zu erwartendem Entwicklungsrisiko und Gewinn.
Auch der Erfinder selbst wird einbezogen: Der ipal-Projektmanager informiert ihn über Details und Perspektiven, Risiken und Chancen der Erfindung. Bei Aufnahme in die Verwertungsbetreuung wird mit ihm abgestimmt, welche Strategien für die Patentierung und Verwertung verfolgt werden.
Eine Idee entfaltet erst dann ihren Wert, wenn sie patentrechtlich geschützt ist. Die ipal bietet das gesamte Spektrum für einen solch umfassenden Schutz. Die Patentkosten werden von der ipal beziehungsweise der Forschungseinrichtung oder Hochschule getragen. Mit dem Patent in der Tasche eröffnen sich dem Erfinder prinzipiell drei Möglichkeiten der Verwertung: der Verkauf des Patents, die Lizenzierung oder aber die Unternehmensneugründung.
Für ipal-Geschäftsführerin Ursula Haufe steht fest, dass die Gründung einer eigenen Firma der volkswirtschaftlich besonders gewünschte „Königsweg“ zur Schaffung neuer Arbeitsplätze ist: Die Agentur begleitet die Start-ups auf diesem Weg und bietet Unterstützung. Das bevorzugte Verwertungsmodell ist jedoch die Lizenzierung: Dabei bleibt die Forschungseinrichtung im Besitz der Patente. Dem industriellen Partner werden lediglich Nutzungsrechte eingeräumt – exklusiv oder nicht exklusiv.
ipal überwacht die Verträge und kontrolliert, ob die vereinbarten Meilensteine bis zur Markteinführung termingerecht erreicht werden. Wer das Patent verkauft, was selten geschieht, verliert dagegen alle Rechte an seiner Erfindung. ipal hat dann auch keine
Möglichkeit mehr, den Verwertungsprozess zu überwachen. Doch mit dem Patentschutz ist es nicht getan. Auch eine patentierte Erfindung platziert sich nicht von alleine im Markt. Ob aus einer Idee eine Erfolgsgeschichte wird, hängt meist vom Engagement eines Unternehmens ab: Es muss von der Idee überzeugt sein – und außerdem Know-how und Finanzkraft besitzen, das Produkt zu entwickeln und erfolgreich im Markt einzuführen. Die Bewertungskriterien sind dabei ganz andere als beim Wissenschaftler. Denn eine neue Technologie oder ein neues Produkt einzuführen bedeutet immer auch eine Investition mit finanziellem Risiko.
Partner finden und überzeugen
Um die optimalen Partner für Erfindungen zu finden, greift die ipal auf ein umfangreiches Netzwerk an kooperationsbereiten Firmen unterschiedlicher Branchen und Technologien zurück. Von den Patenten, welche die Agentur betreut, stammen fast zwei Drittel aus dem Bereich Life Sciences, wozu auch die Biotechnologie zählt.
„Patente aus der Wissenschaft können als Vorboten für das Entstehen neuer wissensbasierter Wirtschaftssegmente gewertet werden“, sagt Ursula Haufe. Aus ihnen lasse sich ableiten, dass Biotech-Industrie und Gesundheitswirtschaft in Zukunft noch deutlich wachsen werden, so die ipal-Geschäftsführerin. Sie skizziert damit schon die Art der Erfindungen, mit denen sich ihre Agentur unter anderem beschäftigen wird: Der Trend in der Medizin geht hin zu Biomarkern für die personalisierte Medizin und für die Diagnose von Krebs, Alzheimer und Schlaganfall. Auch an Immunisierungsmethoden gegen diese bisher unbesiegbaren Krankheiten wird geforscht. Eines ist sicher: Die Erfindung „Mikroinvasive Behandlung der Karies durch Kunststoffinfiltration“ muss sich zwischen all den Innovationen nicht verstecken. Denn sie steht für etwas, auf das viele Patienten sehnsüchtig warten: den angstfreien, völlig entspannten Zahnarztbesuch.
Infos unter:
www.ipal.de




