
Das Muskel-Haus
Mitte Juni eröffnet die Firma Otto Bock zwischen Potsdamer Platz und dem Brandenburger Tor des Science Center. Besucher erwartet eine faszinierende Erlebniswelt rund um die Medizintechnik
Die Berliner haben es längst getauft. „Warum werden die Berliner beim Muskelhaus schwach?“, titelte die Zeitung Bild im März dieses Jahres. Gemeint war das Science Center Medizintechnik
der Firma Otto Bock, das Mitte Juni seine Tore öffnet. Der Hintergrund des Spitznamens: Als das federführende Büro Gnädinger Architekten vor rund zweieinhalb Jahren mit den Planungen für den Bau begann, nahm es sich Muskelfasern zum Vorbild. Das auf der Ebertstraße zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor gelegene Gebäude war denn auch bereits während der Bauphase ein Magnet für Schaulustige aller Art. „Wir erhalten massenhaft E-Mails und Glückwünsche von Menschen, die sich für die Architektur des Gebäudes begeistern“, freut sich der Science-Center-Leiter Joachim Hamacher. Und auch als Arbeitsstätte können sich viele Berliner das architektonische Kraftpaket vorstellen: Auf das Unternehmen Otto Bock – innovatives Medizintechnik-Unternehmen, Weltmarktführer im Bereich Prothetik und Bauherr des Centers – prasseln die Initiativbewerbungen seit Monaten nur so ein.
Vermutlich hat das „Muskelhaus“ gute Chancen, in Hochglanz- Reise- oder -Architekturführer aufgenommen zu werden. Mit Sicherheit ist ihm aber auch Aufmerksamkeit wegen seines ungewöhnlichen Innenlebens gewiss. „Wir geben Laien und Fachleuten gleichermaßen spannende Einblicke in die Medizintechnik“, so Hamacher über die ständige Ausstellung in den unteren drei Etagen des Gebäudes. Sinnliche Erlebbarkeit steht dabei ganz vorne. „Die Ausstellung lädt dazu ein, das Besondere im scheinbar Selbstverständlichen sinnlich zu erfahren.“ Den Ausgangspunkt bilden die Grundthemen Gehen und Greifen. Darauf aufbauend erfährt der Besucher, wozu Technologie in der Lage ist und was sie im Leben derjenigen bewirkt, die auf sie angewiesen sind.
Das große Stichwort dabei heißt „interaktiv“. „Wir wollen keine gängige Ausstellung bieten, sondern den Betrachter durch hautnahe und realistische Interaktion begeistern“, betont Hamacher. Eigens für das Science Center wurden interaktive Installationen entwickelt, die in ihrer Art weltweit einmalig sind.
Wie funktioniert der aufrechte Gang? Was alles kann eine Hand? Antworten auf diese Fragen gibt es unter dem Titel „Faszination Bewegung“ im Erdgeschoss. Eine kinetische Skulptur zeigt die Vielfalt und Komplexität von Handbewegungen, Minispiele erklären grundlegende motorische Fähigkeiten. Ein Homunkulus demonstriert die unterschiedliche Bedeutung der einzelnen Körperregionen für die Sinneswahrnehmung. „Vorbild Natur“ heißt ein anderer Teil der Ausstellung. Anhand eines Blickes unter die Haut kann man lernen, wie Arme und Beine funktionieren. Vorgestellt werden auch Lösungsansätze für den verletzten Bewegungsapparat, die sich an natürlichen Vorbildern orientieren.
Zurück in die Zukunft
Das zukunftsweisende Science Center bedeutet für Otto Bock auch eine Rückkehr zu den Wurzeln: 1919 gründete Otto Bock in Berlin die „Orthopädische Industrie“, um Versehrte aus dem Ersten Weltkrieg mit Prothesen zu versorgen. Die politisch unruhigen Zeiten führten noch im selben Jahr zum Umzug nach Königsee in Thüringen, wo 1948 die entschädigungslose Enteignung erfolgte. 1946/47 hatte die Unternehmer-Familie zuvor in Duderstadt im Zonenrandgebiet den Neuanfang gewagt. Der Mauerbau im Jahr 1961 bedeutete für die Firma, in der Mitte Deutschlands in eine extreme Randlage zu geraten – doch mit der Wiedervereinigung rutschte sie zurück ins Zentrum der Republik. Die Familie kaufte ihren ehemaligen Besitz in Königsee erneut und baute ab 1992 eine Fertigungsstätte für Rollstühle
und Mobilitätshilfen auf. Heute hat Otto Bock 4500 Mitarbeiter in 40 Ländern und exportiert seine führende Technologie in mehr als 140 Länder.

- Architektonisch ist das Science Center von Otto Bock (links, im Modell) Muskelfasern nachempfunden. Wer das Gebäude betritt, taucht ein in eine spannende interaktive Erlebniswelt rund um die Themen Gehen und Greifen (rechts)
Notwendig werden können sie zum Beispiel nach einem Schlaganfall oder bei Verlust der Mobilität im Alter. Anhand des eigenen Körpers können Besucher erforschen, wie Anatomie und Motorik zusammenhängen. Und nicht zuletzt können sie selbst erproben, wie schwer es ist, das Gleichgewicht zu halten – indem sie eine 50 Meter tiefe virtuelle Schlucht überqueren. Ein „Fenster in die Wissenschaft“ öffnet sich im dritten Geschoss, wo man ausgewählte Produkt-Highlights von Otto Bock interaktiv erleben kann – etwa, wie es sich anfühlt, eine Prothese zu tragen. In wechselnden Ausstellungen will Otto Bock regelmäßig weitere spannende Projekte und Entwicklungen aus dem Bereich der Medizintechnik vorstellen.
Die unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Horst Köhler stehende Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ wählte das Muskelhaus für den 3. Oktober 2009 als „ausgewählten Ort im Land der Ideen“ aus. „Der 3. Oktober ist der Tag der Deutschen Einheit und stellt für unser Unternehmen und seine Geschichte einen wichtigen Meilenstein dar“, so Hamacher: „Umso mehr freuen wie uns natürlich, an diesem Tag so präsent zu sein.“ (siehe Kasten). Die Zeichen stehen allerdings gut, dass das Science Center auch über dieses Datum hinaus ein Publikumsmagnet wird. „Statistisch gesehen kommen täglich um die 30.000 Menschen hier vorbei, von denen rund 90 Prozent Touristen sind. Und wir wollen dafür sorgen, dass sie nicht nur vorbeigehen!“
Infos unter:
www.sciencecenter-medizintechnik.de und
www.ottobock.de


