Ethik
Spezial 2
Basis für eine optimale Therapie von Krankheiten ist eine gute Diagnose

health+ spezial: Knochenarbeit
Neue Techniken für Alte Probleme

Weil sich die Erkenntnisse in der Medizin immer weiter entwickeln, müssen sich auch die Operationstechniken anpassen. Darauf haben sich die Kliniken in der Gesundheitsregion Berlin-Brandenburg eingestellt. Von dort kommen mittlerweile viele Innovationen, die für die Expertise ihrer Entwickler sprechen.

Egal, ob an Nase, Hüfte oder Wirbelsäule – in modernen Kliniken sind heute Eingriffe möglich, die es vor kurzem noch nicht gab. Mitunter wurdensie direkt im eigenen Haus entwickelt

Der Biostatiker von Weissensee

Das Innenleben der Nase mit einem Haus zu vergleichen scheint zunächst nicht unbedingt auf der Hand zu liegen. Für Prof. Dr. Hans Behrbohm passt der Vergleich hingegen haargenau. „So wie ein Gebäude aus tragenden und nichttragenden Wänden besteht, so ist auch das Siebbein aus stützenden und nichtstützenden Knochen aufgebaut“, erklärt der Chefarzt für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde der Park-Klinik in Berlin-Weißensee. Das Siebbein ist jenes Knochenlabyrinth, das sich zwischen Auge und Nase erstreckt und dessen Hohlräume zu den Nasennebenhöhlen gehören. 13 solcher Kämmerchen gibt es im Siebbein – wie ein Haus, das 13 Zimmer hat.

Sieht das menschliche Siebbein als Gebäude mit 13 Zimmern – und lässt bei Operationen die tragenden Wände stehen: Prof. Dr. Hans Behrbohm

Der Vergleich der Knochenwände dieser Hohlräume mit den Mauern eines Hauses ist keine Spielerei. Für Behrbohm hat er eine handfeste Bedeutung, wenn es zur Operation kommt. Denn nicht selten geht es bei chirurgischen Eingriffen in der Nase um das Siebbein.Dortige Wucherungen, Verwachsungen oder Fehlstellungen sind nämlich häufige Ursache für ein noch häufigeres Phänomen: Nasennebenhöhlenentzündungen. Jeder siebte Einwohner, so eine Schätzung, leidet an einer sogenannten akuten wiederkehrenden Sinusitis, also einer Nasennebenhöhlenentzündung, die mehrmals im Jahr auftritt.

Oft ist es erst der operative Eingriff im Siebbein, der nachhaltig Linderung verschafft. Jahrelang ging es dabei vor allem darum, die Hohlräume dieses Knochens auszuräumen, damit der Nasenschleim wieder besser abfließen und die Nebenhöhlen besser durchlüftet werden können. Nicht selten wurden dabei auch Trennwände zwischen den einzelnen Kammern herausgenommen. Und zwar wahllos. Das aber kann in manchen Fällen dazu führen, dass die Stabilität des Siebbeins verloren geht. Im schlechtesten Fall ist die Situation nach der Operation sogar schlechter als vorher.

Daher geht Hans Behrbohm seit zwei Jahren anders vor. Seit er begonnen hat, die zum Teil papierdünnen Trennwände der Siebbein-Hohlräume in tragende und nichttragende zu unterteilen, achtet er genau darauf, die tragenden „stehen zu lassen“. Ganz so, wie es ein Gebäudestatiker macht, wenn er ein Haus umgestalten will und zum Beispiel zwei  Räume zusammenlegen möchte. „Biostatische Siebbeinchirurgie“ nennt Behrbohm seine Methode daher auch. Der Vorteil: Die Stabilität des Siebbeins bleibt von dem Eingriff unbenommen. Mindestens zwei der insgesamt 13 Siebbeinkammern müssen erhalten bleiben, hat Behrbohm herausgefunden. Bildgebende Verfahren wie die sogenannte Volumentomographie oder die Multislice-Computertomographie liefern ihm vor der Operation ein dreidimensionales Abbild des Siebbeins eines Patienten. Das ist wichtig, denn dieser Knochen ist bei jedem Menschen etwas anders aufgebaut und angeordnet.

Auch wenn die Methode noch ganz jung ist, so ist sie in der Weißenseer Park-Klinik doch auch schon Routine. Im Schnitt fünfmal täglich wendet Behrbohm die biostatische Siebbeinchirurgie an. Rund 1000-mal im Jahr. Die Patienten kommen inzwischen nicht nur aus Berlin oder der Region, sondern auch aus dem Ausland, einmal sogar aus Venezuela. Und auch die internationale Fachwelt ist aufmerksam geworden. Behrbohm und sein Team haben das Verfahren längst in Fachpublikationen beschrieben. Und immer wieder stellt Behrbohm es auch auf Kongressen vor, Anfang des Jahres etwa in Kopenhagen, wo er skandinavische HNO-Ärzte darüber informierte.

Mit Feingefühl schonend die Nase operieren ist in der Park-Klinik Weißensee tägliche Routine (l.). Plattentektonik in der Nase (r.): Weil sich manche Strukturen gegeneinander verschieben (kleine Pfeile), verformt sich die Nasenscheidewand

Die biostatische Siebbeinchirurgie ist nicht die einzige moderne Methode, die die Weißenseer Hals-, Nasen- und Ohrenheilkundler anwenden. Mit der sogenannten Ballonsinuplastik gibt es ein weiteres Verfahren für Eingriffe in den Nasennebenhöhlen. Wie beim Weiten von Herz-Blutgefäßen werden dabei Ballons in die verengten Kammern des Siebbeins eingeführt und dann gezielt geweitet, um die knöchernen Trennwände neu zu justieren. Und mit der biostatischen Operation der Nasenscheidewand, des sogenannten Septums, wurde ein weiteres biostatisches Verfahren für die Nasenchirurgie entwickelt. Es verfolgt das Ziel, verformte Nasenwände gewebeerhaltend zu begradigen. Verformungen, wie sie im Laufe eines Lebens häufig vorkommen, weil sich bestimmte Zonen des Septums gegeneinander bewegen – durchaus vergleichbar mit der  Plattentektonik unseres Planeten, so Behrbohm. Verformte Nasenwände sind nicht nur ein häufiger Grund für Schnarchen, Riechstörungen oder eine nasale Stimme, sondern mitunter auch Auslöser von Nebenhöhlenentzündungen. In der Abteilung von Hans Behrbohm kommt es daher nicht selten vor, dass er bei Patienten am Siebbein und am Septum gleichzeitig eingreifen muss. Das Septum vergleicht er dabei mit einer Schwingtür, die auf der einen Seite am Nasenknorpel befestigt ist und auf der anderen Seite am rückwärtigen Knochen. Fehlstellungen dieser beiden „Türangelpunkte“ führen zwangsläufig auch zu einer verformten, einer klemmenden Tür. Indem er beim Eingriff die „Türangeln“ justiert, kann er das Septum begradigen,ohne Gewebe entnehmen zu müssen.

Anfang 2009 haben Behrbohm und Kollegen das Verfahren im Fachblatt HNO-Nachrichten
beschrieben. Es kann gut sein, dass dies nicht die letzte Neuerung aus der Park-Klinik gewesen ist. „Wir versuchen immer, Dinge noch besser zu machen“, erklärt Chefarzt Behrbohm. 

Infos unter: Öffnet externen Link in neuem Fenster www.Park-Klinik.com