
Hand auf Herz
Bei Herzversagen geht es um Leben und Tod. Kann die Fernüberwachung von Risikopatienten deren Versorgung verbessern? Das soll eine Studie klären
Horst M. ist gleich so weit und kann zum Einkaufen aufbrechen. Auf der Waage war er bereits, den Blutdruck und den Sauerstoffgehalt in seinem Blut hat er auch schon bestimmt. Jetzt muss er nur noch schnell ein kleines Gerät auf seine entblößte Brust legen und den Startknopf drücken. Kurz darauf liegt das aktuelle Elektrokardiogramm (EKG) vor, und nur wenig später sind all diese Daten, vom Gewicht bis zu den Herzwerten, bereits auf einem Rechner des Telemedizinischen Zentrums (TMZ) der Berliner Charité eingegangen. Doch mit dieser Übermittlung hatte der 67-jährige Potsdamer schon nichts mehr zu tun. Alle Messgeräte funken ihre Werte automatisch an ein zentrales Gerät in seiner Wohnung, das diese Daten dann über das Mobilfunknetz weiterschickt ans TMZ.
Während dort ein Team aus Fachärzten, wie jeden Tag, seine aktuellen Werte begutachtet, ist M. längst zum Einkauf aufgebrochen. Obwohl er herzkrank ist, kann er beruhigt sein. Denn er weiß: Sollten seine aktuellen Messwerte Anlass zu Besorgnis geben, würde sich ein Arzt vom TMZ sofort bei ihm melden – und ihn ermuntern, in die Klinik oder zum Hausarzt in Potsdam zu gehen. Horst M. ist Teilnehmer einer 2008 gestarteten Studie, die „Partnership for the Heart“ (Partnerschaft für das Herz) heißt und vom Bundesministerium für Wirtschaft und Techchnologie gefördert wird. Fast 600 Menschen mit chronischer Herzschwäche nehmen daran teil. „Uns interessiert, ob die kontinuierliche Fernüberwachung von Patienten mit Herzinsuffizienz deren Versorgung verbessern und sogar wirtschaftlicher machen könnte“, erklärt Dr. Friedrich Köhler, Oberarzt an der Charité und medizinischer Leiter der Studie, die 2008 begann.

- Statt einmal im Quartal zum Arzt zu gehen, funken die Teilnehmer bei "Partnership for the Heart“ täglich Blutdruck, EKG, Gewicht und auch Angaben zum allgemeinen Befinden von zu Hause an ein medizinisches Zentrum (rechts).
Allein in Deutschland leiden geschätzte 1,5 Millionen Menschen an einer solchen Herzschwäche. Verengte Gefäße, ein bereits erlittener Infarkt oder auch erhöhter Blutdruck können die Ursachen sein. Diese Menschen leben mit dem permanenten Risiko, dass der schwächelnde Lebensmuskel einmal ganz aussetzen könnte. 2006 wurden über 300.000 Menschen mit einer Herzschwäche in ein deutsches Krankenhaus eingeliefert. In manchen Fällen kommt dann jede Hilfe zu spät, in anderen sind lange oder häufige Klinikaufenthalte die Folge.
Genau hier könnte das Frühwarnsystem der „Partnership for the Heart“ zur Verbesserung beitragen. „In der Tat lässt sich auf Basis der regelmäßig übermittelten physiologischen Eckdaten eine Verschlechterung der Herzsituation bereits dann erkennen, wenn der Patient selbst vielleicht noch gar nichts bemerkt“, erklärt Köhler. Physiologische Eckdaten, die der Hausarzt normalerweise nur alle paar Monate bestimmt – nämlich dann, wenn der Patient in die Praxis kommt. Beim Telemonitoring hingegen gehen diese Werte jeden Tag im TMZ ein. Bei ihrer täglichen Auswertung dieser Daten können die Ärzte bei etwaigen Unregelmäßigkeiten sofort handeln. Das rechtzeitige Eingreifen, so die Annahme, könnte nicht nur manchen Todesfall vermeiden, sondern auch die Länge und Häufigkeit von Klinikaufenthalten senken und somit Kosten sparen. Und nicht zuletzt würde auch die Lebensqualität der Betroffenen verbessert, wenn diese sich besser versorgt fühlen.
Telemedizin im Kommen

- Gerät auf die Brust, Knopf gedrückt, schon wird ein EKG aufgezeichnet – und automatisch an ein medizinisches Zentrum geschickt
Dass Chirurgen einer Patientin die Galle entfernen, ist nicht ungewöhnlich. Wenn die Patientin allerdings in einem Straßburger Krankenhaus liegt und die Ärzte sich in New York aufhalten, ist das schon beachtlich. Im Jahr 2001 ging die Nachricht von dieser transatlantischen Operation, bei der die Chirurgen einen Roboter per Computer fernsteuerten, als telemedizinisches Highlight um die Welt.
Die räumliche Trennung von Operierenden und Operierten ist aber nur ein Beispiel für die Möglichkeiten, die aus Technologien wie Internet und Mobilfunk auch für die Medizin resultieren. Gesundheitsdienstleistungen unter Verwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien – genau darum geht es laut Definition bei Telemedizin. Am Ende reduziert sich eben vieles, was Mediziner für Patienten tun, auf den Umgang mit Daten. Und die lassen sich heute leicht und schnell rund um den Erdball schicken. Messwerte ebenso wie Bilddaten. Das kann zum raschen Einholen einer Zweitmeinung, etwa beim Deuten einer MRT-Aufnahme, genutzt werden. Oder auch zur kontinuierlichen Fernüberwachung chronisch Kranker, etwa Diabetiker. Dabei kann der regelmäßige Draht zwischen Patient und Arzt sogar Vorteile bieten. So ergab eine Untersuchung, dass 90 Prozent der Patienten mit hohem Blutdruck nach drei Monaten medikamentös gut eingestellt waren, wenn sie telemedizinisch betreut wurden. Ohne den Datenaustausch mit dem Arzt traf dies nur auf etwa ein Drittel der Patienten zu.
Auch wenn der technische Aufwand zunächst Kosten verursacht – Telemedizin eröffnet auch Sparpotenziale. Etwa wenn ein Frühwarnsystem längere Klinikaufenthalte vermeidet oder wenn Therapien schneller optimiert werden können. In Mecklenburg-Vorpommern bietet die Techniker Krankenkasse bereits eine telemedizinische Betreuung an. Dabei messen Glaukom-Patienten zu Hause regelmäßig ihren Augeninnendruck und senden die Werte per Internet an eine Klinik. Auf Basis dieser Daten können Experten dann die Medikation jederzeit modifizieren.
Von den 600 Patienten, die an der Studie teilnehmen, lebt rund die Hälfte in Berlin oder Brandenburg. Ihre Werte gehen direkt ins TMZ an der Charité. Die andere Hälfte stammt aus Baden-Württemberg, und ihre Werte landen auf Rechnern im TMZ des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart. Weitere Projektbeteiligte in der „Partnerschaft für das Herz“ sind neben den zwei genannten Kliniken die Technologie-Firmen Bosch, Aipermon, InterComponentWare und T-Mobile sowie die Krankenkassen Barmer und Bosch BKK. Um den möglichen Nutzen der Fernüberwachung überhaupt bestimmen zu können, ist nur eine Hälfte der Teilnehmer an das Fernüberwachungssystem angeschlossen. Alle Übrigen fungieren als sogenannte Kontrollgruppe und werden auf herkömmliche Weise betreut. „Ende 2009 werden wir sagen können, was das Telemonitoring wirklich bringt“, so Köhler. Der Kardiologe betont, dass die Studie vom Konzept her alle Voraussetzungen erfüllt, um von den Krankenkassen anerkannt zu werden. „Sollte das telemedizinische Verfahren Vorteile haben, kann dessen Aufnahme in den Leistungskatalog der Kassen unmittelbar beantragt werden.“
Infos unter:
www.partnership-for-the-heart.de


