Interview
Tele-Kardiologie

Wenn die Zeit nicht alle Wunden heilt

Im Zentrum für Schwerbrandverletzte am Unfallkrankenhaus Berlin lässt man Wunden mit einer einzigartigen Methode heilen: Haut aus der Sprühdose

Dr. Bernd Hartmann sprüht Haut auf die vorbereitete Wundfläche.

Es war nur ein kurzer Moment – und Ingo H. muss sich anstrengen, um sich überhaupt an ihn zu erinnern. Da waren der Garten und die Gäste. Der Grill mit den Würstchen. Die Flasche mit dem Öl darunter. Und daneben die Flasche mit dem Brennspiritus. „Ich muss die beiden verwechselt haben“, sagt Ingo H. und schüttelt ratlos den Kopf. Erinnern kann sich der junge Mann nur noch daran, dass er die Würstchen mit Öl beträufeln wollte und dazu nach einer der beiden Flaschen griff. Dann kam diese riesige Stichflamme, und es wurde dunkel um ihn herum. Als er aus der Ohnmacht erwachte, waren seine Arme bis zu den Schultern verbrannt.

Fälle wie dieser sind für Dr. Bernd Hartmann an der Tagesordnung. Der Chefarzt des Zentrums für Schwerbrandverletzte des Unfallkrankenhauses Berlin hat schon so ziemlich alle Formen von Brandwunden gesehen. Über 300 Patienten pro Jahr werden in seiner Klinik stationär behandelt. Die meisten von ihnen haben Verbrennungen zweiten bis dritten, manche sogar vierten Grades.

Wunden heilt die Zeit – so heißt ein altes Sprichwort. Und das stimmt sogar. Im Normalfall ist Wundheilung ein natürlicher Prozess, und es sind vor allem zwei Faktoren, die dabei eine Rolle spielen: die Selbstheilungskräfte des Körpers – und die Zeit. Der Körper verschließt die Wunde, indem er das beschädigte Körpergewebe weitestgehend selbst wiederherstellt. Ganz am Anfang dieses Prozesses steht die Blutgerinnung – und am Ende die sogenannte Regenerationsphase, während der die Wunde von Deckgewebszellen (Epithelzellen) überwachsen wird und sich langsam schließt. Doch es gibt Wunden, welche die Zeit und die Natur alleine nicht heilen können. Das weiß man nirgends besser als im Zentrum für Schwerbrandverletzte. Allerdings kommt dort ein ganz besonderes Verfahren zum Einsatz. „Gerade im Gesicht können Narben, die von Verbrennungen herrühren, eine große seelische Belastung darstellen“, sagt Bernd Hartmann. Er jedoch kann den Betroffenen mit einer Hightech-Methode helfen, die in Europa einzigartig ist: Auf die Wunde wird Haut mittels eines speziellen Verfahrens aufgesprüht.
Die Technik wurde in den 1990er Jahren in Deutschland erfunden und von der australischen Chirurgin Fiona Wood weiterentwickelt. Das Zentrum für Schwerbrandverletzte verwendet sie in einer modifizierten Form. Hartmann: „Wir entnehmen dem Patienten dazu ein kleines Stück Haut und lösen daraus in einem zweiteiligen Schritt die Keratinozyten – also die hornbildenden Zellen, die sich vermehren können. Diese werden mittels Zellkulturmethoden aufbereitet und können am Ende mit einer Spritzpistole mitten auf die Wunde gesprüht werden.“

Verbrennungsstufen

1. Grad: Betroffen ist lediglich die Oberhaut (Epidermis). Sie ist gerötet, geschwollen und schmerzt.

2. Grad: Sowohl Oberhaut als auch Lederhaut (Dermis) sind in Mitleidenschaft gezogen. Blasenbildung und starke Schmerzen treten auf. Vollständige Heilung oder Heilung mit Narbenbildung ist noch möglich.

3. Grad: Lederhaut und Unterhaut (Subkutis) sind betroffen. Schwarz-weiße Nekrosen (abgestorbene Hautstellen) treten auf. Die Betroffenen haben weniger oder sogar keine Schmerzen, da bereits Nervenendungen zerstört sind. Die Schädigungen sind irreversibel.

4. Grad: Alle Hautschichten und darunterliegende Gewebe sind verkohlt. Es treten keine Schmerzen auf. Die Schädigungen sind ebenfalls irreversibel.

Die Hautzell-Lösung wird für das Sprühverfahren in eine Spritze aufgezogen.

Der große Vorteil der Methode besteht darin, dass es keine Immunabstoßung gibt, weil es sich um körpereigene Zellen des Patienten handelt. Außerdem wird verhindert, dass hässliche
Wulste entstehen. Normalerweise führen verzögert heilende Wunden nämlich zu ausgedehnten Narben. „Indem wir die Haut breitflächig auf die Wunde sprühen, sorgen wir dafür, dass sie in der Mitte genauso heilt wie an den Rändern.“ Nach Abheilung hat die „aufgesprühte“ Haut in etwa die gleiche Farbe und Struktur wie die umliegende.

Hartmann und sein Team setzen die Spray-Methode vor allem im Gesicht, im Dekolleté und an der Hand ein. Und überhaupt stellt sie nur eine Behandlungsmöglichkeit dar. Denn wenn der Haut-Spray zum Einsatz kommt, ist die schlimmste Gefahr bereits gebannt: Verbrennungen dritten und vierten Grades können tödlich sein. Sobald bei einem Erwachsenen auch nur 15 Prozent der Haut verbrannt sind, besteht Lebensgefahr. Diese Fläche entspricht in etwa einem Bein oder einer Seite des Rumpfes. „Der Körper von Schwerbrandverletzten besteht sogar oft bis zu 70 Prozent aus Wundflächen“, so Hartmann. Wenn das durch die Hitze zerstörte Gewebe entfernt wurde, ist es überlebenswichtig, dass die Wunde abgedeckt wird. Sonst ist sie schutzlos Bakterien und Keimen aller Art ausgesetzt.

Vermeidbares Leid

Verbrennungen verursachen Leid – und könnten oft verhindert werden. Bei Kleinkindern bis
vier Jahre machen Verbrühungen 70 Prozent aller Verletzungen aus. Bei älteren Kindern und Jugendlichen stehen unsachgemäßer Umgang mit Feuer und brennbaren Flüssigkeiten im Vordergrund. Erwachsene zwischen 15 und 64 Jahren erleiden besonders oft Flammverbrennungen, wobei es sich bei einem Drittel der Fälle um Arbeitsunfälle handelt. Insgesamt werden geschätzte 55 Prozent aller Verbrennungen durch Flammen hervorgerufen.

Aus einem dem Patienten entnommenen Hautstück werden die hornbildenden Zellen (Keratinozyten) herausgelöst

Bernd Hartmann und sein Team greifen dabei auf die hauseigene Hautbank zurück. Diese wichtige Abteilung des Verbrennungszentrums hat bereits Hunderten von Brandopfern das Leben gerettet: Die von Organspendern zur Verfügung gestellten, in Glycerol eingelegten Hautstücke sind millimeterdünn und halten sich rund zwei Jahre. Aufbewahrt werden sie in
großen Kühlschränken. 10.000 bis 15.000 Quadratzentimeter hat das Zentrum vorrätig. Das entspricht in etwa der Hautmenge eines mittelgroßen Menschen.

„Haut aus der Hautbank eignet sich sehr gut, um Verbrennungswunden temporär abzudecken, nachdem das zerstörte Gewebe entfernt wurde. Es ist eine Art biologischer Verbandsstoff“, erklärt Hartmann. Die fremde Haut wird dabei auf die Wunde gelegt und wächst sogar teilweise an. Nach spätestens drei Wochen wird sie immunologisch als fremd erkannt und vom Körper abgestoßen. Dann wird dem Patienten eigene Haut transplantiert, die im Labor aus einem ihm zuvor entnommenen Hautstück gezüchtet wurde.

Ingo H. hatte Glück im Unglück. Seine Verletzungen waren weniger schlimm als befürchtet. Nach zwei Wochen konnte er entlassen werden. Dank der Spray-Methode ist die Haut an seinen Armen wieder völlig hergestellt. Gegrillt hat er allerdings seither nicht mehr. Denn die Verbrennungen mögen geheilt sein. Die Wunden, die der Schreck schlug, noch nicht.

Infos unter: Öffnet externen Link in neuem FensterZentrum für Schwerbrandverletzte mit Plastischer Chirurgie am Unfallkrankenhaus Berlin