
Blühende Arznei
Im Kloster Lehnin wird die mittelalterliche Tradition des Klostergartens neu belebt

- Klosterkirche Sankt Marien, ein herausragendes Zeugnis mittelalterlicher Backsteingotik.
Wer im Mittelalter krank wurde, der hatte Glück, wenn er in der Nähe eines Klosters lebte. Denn die medizinische Versorgung lag in jener Zeit in den Händen von Mönchen und Nonnen. In ihren Klostergärten bauten sie Arznei- und Heilkräuter an und stellten daraus Tinkturen, Salben, Kräutertees und Liköre her. Pflanzen wie Fenchel, Thymian und Melisse zum Beispiel galten als hilfreiche Mittel gegen Atemwegsbeschwerden und Verdauungsprobleme. Hopfen wirkt beruhigend, Holunder schweißtreibend, und Johanniskraut hilft bei seelischen Verstimmungen. Mehr als 600 Pflanzen gehörten in dasRepertoire dieser ersten „pharmazeutischen Betriebe“. Das umfangreiche Wissen über die Heilkraft der Pflanzen wurde von den Mönchen niedergeschrieben und füllte die Klosterbibliotheken. Eine versunkene Kultur. Doch sie erlebt eine Renaissance – zum Beispiel im Kräutergarten Kloster Lehnin.
Das alte Zisterzienserkloster liegt einige Autobahnkilometer hinter Potsdam. Hier, am Klostersee, einst eine unwirtliche Gegend, gründeten die Zisterziensermönche 1180 ihr erstes Kloster in der Mark Brandenburg. Fontane schreibt in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“: „Was jetzt Wiese und Garten ist, das war vor 700 Jahren ein eichenbestandener Sumpf, und inmitten des Sumpfes wuchs Kloster Lehnin auf, vielleicht im Einklang mit jenem Ordensgesetz aus der ersten, strengen Zeit: dass die Klöster von Cisterz immer in Sümpfen und Niederungen, das heißt in ungesunden Gegenden, gebaut werden sollten, damit die Brüder des Ordens jederzeit den Tod vor Augen hätten.

- Klösterliche Schönheit: das Königshaus mit gotischer Fassade

- Blick ins nördliche Seitenschiff der Kirche
Die Mönche in den auffallenden, weißen Kutten rodeten die Wälder, legten Sümpfe trocken und spielten so eine wichtige Rolle beim Landausbau der noch jungen Mark Brandenburg. Heute führt ein fester, gepflasterter Weg durch die weite Klosteranlage mit ihren gewaltigen, roten Backsteinbauten. Die asketische Lebensführung der Zisterzienser spiegelt sich in den Gebäuden wider. Strenge und Einfachheit waren auch die Maßstäbe für die Architektur. Der schlichte und schmucklose Innenraum der dreischiffigen Klosterkirche beeindruckt durch seine pure Größe. Schlanke Backsteinpfeiler lenken den Blick zum Himmel in das gotische Kreuzgewölbe. Mittelalterliche Mystik umfängt den Besucher. Aber der Schein trügt. Nur wenige Mauern sind noch original erhalten.

- Klösterliche Gartenkultur: Der Kräutergarten in Lehnin blüht wieder auf

- Detail des Schnitzaltars von 1476
Aus dem Mittelalter stehen in Lehnin nur noch das Abtshaus,das Kornhaus und das Falkonierhaus. Mit der Säkularisation wurde das Kloster aufgelöst und dem Verfall preisgegeben. Erst durch das Erstarken des Nationalbewusstseins in den Jahren 1870 bis 1877 wurde die Anlage restauriert. Eine frühe Glanzleistung der modernen Denkmalpflege. Nun genug der klösterlichen Selbstbeschränkung; tun wiretwas für unsere Sinne – und spazieren wir durch den Klostergarten von Lehnin! Heil- und Teepflanzen in den unterschiedlichsten Farben und Formen ermuntern zum Hinsehen, Berühren und Riechen. Ringelblume und Kamille, Raute, Salbei und Minze, aber auch Arten, die wir heute eher den Zierpflanzen zurechnen wie Lilie, Schafsgarbe und Sonnenhut wachsen einträchtig nebeneinander. Und für die Geschmacksnerven bietet der Klosterladen Bitteres und Süßes wie Apfelessig, Senf-Bärlauch-Pesto, Teekräuter, Blütengelee oder Holundersirup. Aber auch Heilpflanzen als Topfware gibt es zu kaufen – eine blühende Arznei für zu Hause.


