Klein und Fein
Gesünder unter 7

Gegengift

Arsen, Quecksilber, Blei oder Plutonium sind Gift für den Körper. In manchen Fällen helfen Gegengifte. Ein wichtiger Hersteller dieser Antidota ist das Berliner Unternehmen Heyl

Die Symptome sind zunächst unauffällig: Unterleibsschmerzen, Müdigkeit, Gewichtsverlust, gewisse Verhaltensstörungen. Doch wenn sie sich über Monate halten, dann wird der Arzt konsultiert, und am Ende könnte sich herausstellen: Quecksilbervergiftung.
Ein zerbrochenes Fieberthermometer, dessen giftiger Inhalt im Staubsaugerbeutel landet und von dort wochenlang ausgast, kann die einfache Ursache sein. Nach einer solchen Diagnose greifen Ärzte, wie bei allen anderen Schwermetallvergiftungen, nach einem Produkt, das die Metallatome bindet und dann für ihre Ausscheidung aus dem Körper sorgt.

Genau solche Mittel bietet das Berliner Unternehmen Heyl an. „Es ist immer ein schöner Moment, wenn man erfährt, dass einem Patienten mit unseren Antidota geholfen werden konnte, ehe innere Organe angegriffen wurden“, sagt Dr. Johann Ruprecht. Er ist bei Heyl Leiter der Wissenschaftlichen Abteilung und Experte für das Segment Antidota, also „Gegengifte“. Es ist das wichtigste Geschäftssegment.

In ihm bietet das Unternehmen Arzneimittel, die nicht nur Vergiftungen durch Quecksilber, sondern etwa auch durch Thallium, Arsen, Blei oder auch durch radioaktives Cäsium oder Plutonium entgegenwirken. Bei einigen Mitteln zur Behandlung radioaktiver Kontaminationen ist Heyl sogar Weltmarktführer.
Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 stieg die Nachfrage nach solchen Produkten spürbar an. Das besondere Interesse, solche Präparate zu entwickeln, ist bei Heyl allerdings deutlich älter. In Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Forschungsinstituten und Universitäten war dabei die heutige, breite Produktpalette entstanden. „Anders als organische Giftstoffmoleküle kannman giftige oder radioaktive Metallatome chemisch nicht einfach zerstören“, erklärt Ruprecht, warum man sich bei Metallvergiftungen etwas anderes überlegen musste. Alle Gegengifte basieren daher auf Produkten, die die Metallatome oder -ionen im wahrsten Sinne des Wortes in die molekulare Zange nehmen und danach aus dem Körper schwemmen. Wichtig sind diese Produkte vor allem als Gegenmaßnahmen nach Unfällen. Aber es gebe auch Stoffwechselkrankheiten, bei denen Antidota Mittel der Wahl seien, etwa die genetisch bedingte Kupferspeicherkrankheit Morbus Wilson, so Ruprecht.

Eine geöffnete Kapsel mit dem Wirkstoff „Berliner Blau“, der bei Vergiftungen mit radioaktivem Cäsium eingesetzt wird

In der Firmengeschichte sind Antidota allerdings ein vergleichsweise junges Geschäftsfeld. Schon mehr als 80 Jahre währt dagegen die Erfahrung im Bereich der Antirheumatika. 1926 wurde das Unternehmen in Berlin gegründet, und das erste Produkt war ein Medikament gegen Rheuma. Später kamen auch Antibiotika hinzu, in den 60er Jahren etwa Sulfadiazin. Bis heute bietet Heyl – als inzwischen einziger Hersteller in Deutschland – dieses Präparat aus der Gruppe der Sulfonamide zur Behandlung von Toxoplasmose an, einer Infektionskrankheit, die vor allem während der Schwangerschaft, bei HIV-Patienten und nach Transplantationen gefährlich ist.

Auch Vitaminpräparate gehören zum Heyl-Sortiment. Als einzige Firma in Deutschland bietet Heyl dabei Vitamin D3 als Injektionspräparat an. Man sieht: Das Unternehmen versteht sich auf Nischen und Spezialgebiete. „Wir konzentrieren uns auf Produkte, die für Großunternehmen zu klein und für kleinere Unternehmen zu anspruchsvoll sind“, formuliert es der wissenschaftliche Leiter Johann Ruprecht.

FAMILIENSACHE

Heyl chemisch-pharmazeutische Fabrik GmbH & Co. KG wurde 1926 in Berlin gegründet. Bis heute hat sie dort ihren Firmensitz. Und bis heute ist Heyl ein familienunternehmen. Derzeit sind in Berlin 18 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tätig. Mehr Beschäftigte hat das Tochterunternehmen Laborchemie Apolda, wo die Produktion, unter anderem von verschiedenen pharmazeutischen Wirkstoffen, stattfindet. Weitere Tochterunternehmen befinden sich in Japan und den USA.
Der unternehmerische Schwerpunkt von Heyl liegt auf dem Vertrieb von Arzneimitteln und Spezialchemikalien. Bei den pharmazeutischen Präparaten liegt der Fokus auf den Antidota zur Behandlung von Vergiftungen mit Schwermetallen oder sogenannten Radionukliden. Der Vertrieb dieser Produkte erfolgt weltweit.

Über seinen Berliner Firmensitz hinaus hat Heyl im Laufe der Jahre ein internationales Netzwerk geformt. So besitzt das Unternehmen seit 1979 eine Tochtergesellschaft in den USA und seit 1983 auch eine in Japan. Und seit 1993 gehört auch die im thüringischen Apolda ansässige Laborchemie Apolda GmbH zu Heyl. Dort finden heute die chemischen Synthesen statt. Es entstehen Reagenzien für Analysen sowie Spezial- und Industriechemikalien. Heyl nutzt den Chemiestandort seither auch für die Synthesen wichtiger Wirkstoffe für seine pharmazeutischen Präparate, insbesondere im Segment Antidota. Und auch für andere Pharmafirmen werden dort Wirkstoffe gefertigt.
Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 fanden plötzlich sogar Regierungsvertreter der US-Gesundheitsbehörde den Weg nach Apolda. So groß war das Interesse an dem dort produzierten Wirkstoff zur Behandlung von radioaktiven Kontaminationen. „Damals wurde vielen deutlich, dass sie im Ernstfall vorbereitet sein müssen und entsprechende Gegengifte besser in großen Mengen in Depots lagern sollten“, so Ruprecht. Die fachgerechte Produktion eines Antidots erfolge schließlich nicht von einem Tag auf den anderen, sondern erfordere Zeit. Wer erst nach einem Anschlag oder Unfall mit Vergiftungs- oder Verseuchungsfolgen bestellt, ist also spät dran.

„Der Markt birgt derzeit unglaublich interessante Möglichkeiten, und wir erhalten inzwischen Anfragen von allen Kontinenten“, sagt Ruprecht. Anschläge mit schmutzigen Bomben oder potenzielle Angriffe auf Kernkraftwerke etwa seien längst zu einer realen Bedrohung geworden, gegen die man sich wappne. Dass man dabei an vielen Orten auf die Produkte von Heyl verfalle, mache die Einzigartigkeit des Produktangebots deutlich, so der Antidot-Experte. „Auch die Weltgesundheitsorganisation oder Regierungsvertreter treten mit Produktanfragen an uns heran“, erzählt Ruprecht. In jedem Fall hat Heyl seine Nischen gefunden. Den Stellenwert als hoch spezialisiertes, kompetentes Pharmaunternehmen zu erhalten, dazu soll aber nicht nur die fachliche Expertise beitragen. Wichtig ist nicht zuletzt auch die Wahrung der Familientraditionen.

Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.heyl-berlin.de