Meldungen II
So wirkt Berlin

Sparpläne reichen nicht

Die Charité ist eine der größten Universitätskliniken Europas – und stellt für Berlin und Umgebung einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor und Wachstumstreiber dar.
„health+“ sprach mit der Dekanin Prof. Dr. Annette Grüters-Kieslich

Prof. Dr. Annette Grüters-Kieslich

Die Charité feiert 300-jähriges Bestehen. Was hat über die Jahrhunderte Bestand gehabt?

Vieles ist im Lauf der Jahrhunderte erstaunlich konstant geblieben. Zum
Beispiel die karitative Grundidee und damit der Auftrag, zum Wohle der
Patienten tätig zu werden. Konstant geblieben ist auch der Auftrag, künftige
Mediziner auf höchstem Niveau klinisch auszubilden.

health+: Wie sehen Sie die Charité von heute?

Durch die Vereinigung der gesamten universitären Medizin im Osten und Westen der Stadt sind wir zu einer der größten Universitätskliniken Europas geworden. Unser Leistungsspektrum ist immens. Wir sind damit ein bedeutender Wirtschaftsfaktor für Berlin und die Region.

health+: Verstehen Sie sich auch als Impulsgeber für medizinische Innovation in der Region?

Natürlich. Unser Leitgedanke lautet schließlich „Forschen, Lehren, Heilen, Helfen“. Unsere über 3.000 Wissenschaftler und Ärzte bemühen sich intensiv um externe Forschungsgelder – und das mit großem Erfolg. Pro Jahr kommen rund 130 Millionen Euro zusammen. Damit folgen wir dem erklärten Ziel, die universitäre Forschung in Berlin zum Schrittmacher einer modernen, ganzheitlichen Medizin mit einem breiten Spektrum von genombasieter, individualisierter Medizin zu machen – und zum Partner bei der selbstverantwortlichen Prävention und Gesundheitspflege zu werden.

health+: Wie steht es um Lehre und Ausbildung?

Auch da sind wir aktiv. Derzeit bilden wir an der Charité rund 8.000 Studierende der Human- und Zahnmedizin sowie pflegerischen Nachwuchs aus. Damit tragen wir dazu bei, die Zukunftsfähigkeit der Forschung am Standort Berlin zu gewährleisten.

health+: Was zeichnet in Ihren Augen Berlin als Pharmastandort aus?

In Berlin verfügen wir zum Glück über eine hohe Dichte an forschungsstarken
Einrichtungen. Viele von ihnen gehören zur Charité, aber darüber hinaus finden wir hier auch außeruniversitäre Institute mit großer Tradition und Reputation. Hinzu kommt, dass es sich um einen Ballungsraum mit starker medizinischer Versorgung handelt. Wir haben ein hohes Patientenaufkommen, und selbst in speziellen Indikationsgebieten können wir auf viele Patienten zurückgreifen. All das sind selbstverständlich die besten Voraussetzungen
für klinische Forschung…

health+: …die heutzutage aber auch ein Netzwerk an Akteuren benötigt.

So ist es. Und genau deshalb sind aus unserer Sicht die sich hier bietenden
Möglichkeiten zur Kooperation so wichtig.

health+: Zum Beispiel mit wem?

Da ist etwa die Helmholtz-Gemeinschaft mit dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin. Oder die Max-Planck-Gesellschaft mit dem Institut für molekulare Genetik. Nicht zu vergessen die Leibniz-Gemeinschaft mit dem Deutschen Rheuma-Forschungszentrum.

health+: Was trägt die Charité bei?

Sehr viel. Aber lassen Sie mich nur einige Stichpunkte nennen. Wir bieten eine innovationsgetriebene Universitätsmedizin, die sich am Berufsbild des „Clinical Scientist“ orientiert. Hinzu kommen eine enge Verzahnung, ein Bewusstsein für klinische Forschung und medizinischen Fortschritt, Grundlagenforschung, Entwicklung sowie innovative Diagnostik- und Therapieverfahren.

Das Hauptgebäude des zur Charité gehörenden Campus Benjamin Franklin in Berlin-Steglitz (Oben) Der Campus Charité Mitte in Berlin-Mitte (Unten)

Die Charité

Die 1710 als Pesthaus vor den Toren Berlins gegründete Charité ist heute eine der größten europäischen Universitätskliniken.
Hier forschen, heilen und lehren Ärzte und Wissenschaftler auf internationalem Spitzenniveau. Die insgesamt 103 Kliniken und Institute sind in 17 Charité-Zentren organisiert und zählen mehr als 13.000 Mitarbeiter.
Als medizinischer Dienstleister mit 127.400 stationären und 500.000 ambulanten Fällen generiert die Charité einen Jahresumsatz von über einer Milliarde Euro.
2010 feiert die Charité mit einer Vielzahl an Kongressen, Ausstellungen und Projekten ihr Öffnet externen Link in neuem Fenster300-jähriges Bestehen.

Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.charite.de

health+: Stört oder behindert Sie eher die standortbedingte Nähe zur Politik?

Das ist ganz klar ein Vorteil. Wir haben in Berlin wichtige politische Entscheidungsträger wie das Bundesgesundheitsministerium und das Ministerium für Bildung und Forschung. Ich denke, davon profitieren wir alle.

health+: Wie ist das Verhältnis zwischen Charité und Pharmabranche?

Wir kooperieren viel und intensiv – von der Grundlagenforschung über klinische Studien aller Phasen bis hin zu gesundheitsökonomischer Evaluation und epidemologischer Begleitung. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen der Charité und der Pharmabranche zeigt sich nicht zuletzt in der anspruchsvollen Auftragsforschung, die von der Charité Research Organisation unter wissenschaftlicher Begleitung durchgeführt wird.

health+: Welche Projekte sind derzeit wichtig und wegweisend?

Ich nehme nur einige heraus. Wir sind zum Beispiel dabei, wissenschaftliche Aktivitäten in Forschungszentren zu bündeln.

health+: Sprechen Sie vom Neuro-Cure Clinical Research Center?

Genau. Damit verfolgen wir den Ansatz, im Bereich der Neurowissenschaften Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung direkt in die Klinik zu übertragen.
Ein weiteres Projekt ist es, die Herz-Kreislauf-Forschung und die onkologische Forschung zu konzentrieren. Dafür arbeiten wir eng mit dem Max-Delbrück-Centrum zusammen. Wichtig ist es uns auch, klinische Schwerpunkte zu bilden, wie wir es bereits mit dem Zentrum für Schlaganfallforschung tun. Und nicht zuletzt ist es uns ein Anliegen, Synergien zwischen dem Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB) und der kardiovaskulären Krankenversorgung Berlin zu schaffen.

health+: Was wünschen Sie sich von Berlin?

Die Stadt lebt von der Wissenschaft. Und als Wissenschaftsstadt hat sie eine Verpflichtung, sich für das politische Ideal aufgeklärter Rationalität einzusetzen und dazu beizutragen, dass über die Zukunft wieder offen und mit Optimismus diskutiert wird.

health+: Also nicht nur Hinweise auf leere Kassen?

Genau. Aus Berlin dürfen nicht nur Sparpläne kommen. Das reicht nicht.
Wir brauchen Visionen, die sich aus allen Bereichen der Wissenschaft, den Natur- wie auch den Geistes-,Kunst- und Sozialwissenschaften nebst Ökonomie und Politik speisen und nicht an nationalen Grenzen haltmachen.

health+: Welche Rolle will die Charité bei alldem spielen?

Wir wollen unsere Rolle auch als Treiber der Gesundheitswirtschaft wahrnehmen. Wir wollen Verantwortung übernehmen. Und wir wollen den medizinischen Fortschritt vorantreiben und für alle zugänglich machen.