
So wirkt Berlin
Pioniergeist und pharmazeutisches Entdeckertum waren von jeher an der Spree zu Hause.
Die dynamische Entwicklung des Standorts zieht immer mehr Firmen an. Das neue Wort für dieses Phänomen ist „Pharmahauptstadt“.

- 1882 gelingt Robert Koch der Nachweis des Tuberkulose-Erregers. Ab 1891 leitet er das eigens für ihn gegründete Preußische Institut für Infektionskrankheiten. 1905 erhält er für seine Arbeiten rund um die Tuberkulose den Nobelpreis.

- 1892 findet Emil von Behring heilende Immunstoffe im Blut von Tieren, die mit Diphtherieund Tetanusbazillen infiziert sind. Mit Paul Ehrlich stellt er ein Serum gegen Diphtherie her. 1901 erhält er den ersten Nobelpreis für Medizin.

- 1900 wird ein an Wirksamkeit unübertroffenes Desinfektionsmittel entwickelt: Lysoform. Das Präparat wird noch im selben Jahr patentiert – und bis zum heutigen Tag vom gleichnamigen Unternehmen weiterentwickelt.

- 1929 synthetisiert Arthur Binz das erste intravenöse Kontrastmittel zur Darstellung der ausscheidenden Harnwege. Die jodhaltige Substanz („Selectan“, später „Uroselectan“ ) sollte eigentlich der Behandlung der Syphilis dienen.

- 1960 entwickelt die Firma Heyl eine Synthese für D-Penicillamin. Das Präparat ist bis heute Mittel der Wahl bei der Behandlung der Kupferspeicherkrankheit Morbus Wilson. In Einzelfällen wird es noch in der Rheumatherapie eingesetzt.

- 1961 wird Anovlar in Australien und dann in Deutschland eingeführt. Die erste europäische „Pille“ – ein Schering-Produkt – wurde aus moralischen Gründen erst als „Mittel gegen Menstruationsbeschwer- den“ verschrieben.

- 1988 bringt Schering mit dem Präparat Magnevist das erste Kontrastmittel für die Magnetresonanz- tomographie auf den Markt. Allein bis zum Jahr 2006 wird das Produkt mehr als 70 Millionen Mal erfolgreich angewendet.

- 2008 erhält die Jerini AG für Firazyr die europäische Marktzulassung zur Behandlung des hereditären Angioödems. Firazyr ist das erste von einem Berliner Biotech-Unternehmen entwickelte Medikament.

- 2008 verlegt Pfizer als weltgrößter Pharmahersteller seine Deutschlandzentrale von Karlsruhe nach Berlin. Das Unternehmen nimmt mit 500 Mitarbeitern am Potsdamer Platz seine Arbeit auf.
Es waren zwei Königskinder, die genossen ein besonderes Privileg: Der spätere Kaiser Wilhelm I. und sein Bruder Friedrich Wilhelm IV. durften sich als erste Menschen in Berlin gegen Pocken impfen lassen. Man schrieb das Jahr 1802, und die feierliche Amtshandlung fand statt im neu gegründeten Königlich-Preußischen Schutzblattern-Impfinstitut, der ersten staatlichen Impfanstalt der Welt.
Später forschte Robert Koch in der Hauptstadt nach dem Tuberkulose-Erreger. Seinem Assistenten Emil von Behring gelang es mit Hilfe seines Kollegen Paul Ehrlich, ein Serum gegen Diphtherie zu entwickeln. Beide Männer hatten im Kampf gegen Seuchen neue Methoden entwickelt. Und beide waren Vordenker: Sie strebten die industrielle Produktion von Arzneimitteln an. Wäre das Kunststück einer Zeitreise möglich, Robert Koch und von Behring würden das Berlin von heute als Paradies empfinden.
Vielleicht würden sie dasselbe sagen wie Andreas Penk: „Hier findet Forschung auf höchstem Niveau statt“, so der Vorsitzende der Geschäftsführung von Pfizer Deutschland. Der US-Pharmakonzern hat seine Deutschland-Zentrale nicht grundlos von Karlsruhe an die Spree verlegt. Hier istman nahe an den Entscheidungsträgern des Gesundheitswesens, Zentren wie Charité und Helioskliniken beteiligen sich an zahlreichen Pfizer-Studien. Penk: „Beispielsweise in der Krebsforschung sehen wir Berlin als ein Zentrum in Europa. Die Stadt hat das Potenzial, in der Spitzengruppe weltweit dabei zu sein.“
Das spricht für Berlin
Pharma gehört nach Berlin, findet Dr. Paul Kriegelsteiner. Der Hauptgeschäftsführer der Chemieverbände Nordost nennt einige gute Argumente:
- Ansiedlungswillige Unternehmen profitieren von erschlossenen Flächen und hoch qualifiziertem Personal.
- Unterstützung durch die Politik. Neu: der Masterplan Industriestadt Berlin.
- Einmalige Dichte und Exzellenz von Forschungseinrichtungen sowie Kliniken.
- Synergie-Effekte durch starke Vernetzung von Politik, Wirtschaft, Hochschulen und Kliniken.
- Dynamik: Berliner Unternehmen erwirtschaften 13 Prozent des deutschen Pharma-Umsatzes.
- Eine offene, multikulturelle Gesellschaft, die auch attraktiv ist für Spitzenkräfte aus dem Ausland.
- Hauptstadtgefühl plus hohe Lebensqualität.
Und ständig vergrößert sich das Netzwerk: In Berlin plus der Region Brandenburg siedeln inzwischen 30 Pharmaunternehmen, 450 Firmen derBiotechnologie- und Medizintechnikbranche, dazu 37 Universitäten und Hochschulen. In Berlin liegen die Ausgaben für Forschung und Entwicklung mit beinahe vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts weit über dem Bundesdurchschnitt.
Dies sind beeindruckende Zahlen aus der Jetzt-Zeit. Ambitioniert klingt auch die Internetadresse
www.pharmahauptstadt.de Doch etliche Erfolgsgeschichten haben in der Vergangenheit begonnen – sogar noch vor den Pioniertaten Robert Kochs und Emil von Behrings. Sie machen deutlich: Ehrgeiz hat Tradition in Berlin.
Aus der „Grünen Apotheke“, die Ernst Schering im Jahr 1851 in der Chausseestraße 17 eröffnete, sollte das Flaggschiff unter den Berliner Pharmaunternehmen werden. Schering hat Geschichte geschrieben: 1930 mit dem ersten injizierbaren Nierenkontrastmittel, 1961 mit der ersten Antibabypille, die in Europa auf den Markt gebracht wird. Es habe Zeiten gegeben, in denen die Welt nach Berlin schaute, so der Historiker Thore Grimm.
Nach seiner Übernahme durch Bayer ist mit Bayer Schering Pharma ein Global Player entstanden, der zu den zehn größten Pharmakonzernen weltweit gehört undin Berlin nicht nur seine Verwaltung, sondern auch Produktionsstätten hat. Dasselbe gilt für Berlin-Chemie. Die Geschichte dieser Organisation reicht zurück bis ins Jahr 1890.
Da das Unternehmen im Ostteil der Stadt liegt, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ein volkseigener Betrieb daraus, der zu DDR-Zeiten größter Lieferant für Insulinpräparate innerhalb des Ostblocks war. Mit der Wende erfolgte 1992 die Übernahme durch die italienische Menarini-Gruppe. Heute hat Berlin-Chemie fast 5.000 Mitarbeiter, Niederlassungen in 31 Ländern, und 2008 übersprang man erstmals die Milliardenmarke beim Umsatz.
Erfolgreich agieren aber auch mittelständische Familienunternehmen in Berlin. Da ist die Dentinox Gesellschaft für pharmazeutische Präparate Lenk & Schuppan KG mit dem Schwerpunktauf Kindergesundheit, die seit den frühen 50er Jahren beständig ihr Portfolio an OTC-Produkten ausbaut. Heyl als chemischpharmazeutische Fabrik hat 1926 noch Lebertran hergestellt.
Heute liegt die ganz besondere Kompetenz in der Produktion von sogenannten Antidota: Mittel gegen Vergiftungen durch Schwermetalle oder radioaktive Substanzen (->siehe auch im Artikel "Gegengift"). Weil sie ihre Bürger im Falle von terroristischen Attacken schützen wollen, sind US-Behörden oder auch europäische Regierungen Kunden des Unternehmens. „Die letzte große Anfrage in dieser Sache kam gerade zum Jahreswechsel“, erzählt Vertriebschef Johann Ruprecht. Bekannt vielleicht nicht gerade bei Laien, dafür aber bei Kliniken in ganz Europa, Russland, Indien, Brasilien und China ist die Lysoform Dr. Hans Rosemann GmbH: Das Patent für Lysoform als Desinfektions- und Reinigungsmittel geht bis auf das Jahr 1900 zurück.

- In Berlin sind viele große und kleine Pharmafirmen, aber auch renommierte Forschungsinstitute zu Hause. Im Uhrzeigersinn: das Max-Delbrück-Centrum für
Jürgen Schwemmer, Prokurist bei Lysoform, registriert eine „zunehmende Internationalisierung“. Diese Einschätzung zielt ab auf die Neuzugänge in der Hauptstadt. Sanofi-Aventis hat Marketing und Vertrieb nach Berlin verlegt, ebenso die Generikatochter Winthrop. Pfizer integriert nach Übernahme des US-Konkurrenten Wyeth weitere 200 Arbeitsplätze in die Deutschlandzentrale. Storz, weltweit führender Hersteller von Endoskopietechnik, ist nun auch in Berlin vertreten.
Biotech-Unternehmen – und von ihnen gibt es knapp 200 in der Hauptstadtregion – denken oftmals schon früh international. Ein Beispiel ist Epigenomics (siehe auch
Spezial 1). Noch schreibt das Unternehmen, das den ersten In-vitro-Bluttest zur Darmkrebsdiagnose entwickelt hat, keine schwarzen Zahlen. Dennoch steht bereits fest, dass der Vertrieb auch über die USA laufen soll, um sich schneller zu etablieren.
Die Brahms GmbH, ursprünglich ein Management-Buyout der Diagnostiksparte von Henning Berlin/Marion Merrell Dow, wurde gerade von Thermo Fisher Scientific übernommen. Brahms-Geschäftsführer Metod Miklus setzt auf „Synergien und die Möglichkeit, das Geschäftsmodell beschleunigt weiterzuentwickeln“. Das 1994 gegründete Unternehmen ist überaus erfolgreich mit dem „PCT-Test“: Durch ihn lässt sich eine bakterielle Sepsis erkennen und so der Einsatz von Antibiotika begrenzen.
Neuestes Produkt ist der Copeptin-Test, der seit Oktober auf dem Markt ist: Zusammen mit dem Herzmarker Troponin ermöglicht er bei Verdacht auf Herzinfarkt eine bis zu sechs Stunden schnellere Diagnose. Fazit: Berlin als Pharmastandort ist vielschichtig und wächst kontinuierlich. Die Ziele sind dieselben wie vor 200 oder 100 Jahren: Es geht zwar nicht mehr um Seuchen. Aber immer noch um Volkskrankheiten, die es zu besiegen gilt.




