Spezial 2: Spieglein,Spieglein…
Spezial 4: Zuckersüss gegen Tumoren

health+ spezial: Kreativ gegen Leiden

Spiegelbild-Moleküle, Gen-Schalter und mehr: Berliner Bio-Tech-Firmen nutzen neue Technologien - für die Medikamente von Morgen

Biotechnologie ist ein zentrales Element der Innovationspolitik der Länder Berlin und Brandenburg. Seit Gründung des Aktionszentrums Öffnet externen Link in neuem FensterBioTOP Berlin-Brandenburg tut sich viel. Manche Firmen sind mit ihrer Technologie weltweit führend. Zum Beispiel Epigenomics, Noxxon, Mologen, Glycotope und Silence Therapeutics

Mologen: Die Abwehr Stimulieren

Den Angreifer auf die Matte zu legen – das ist auch Aufgabe des menschlichen Immunsystems. Die Firma Mologen lenkt diese Abwehr auch auf Krebs

Keine zehn Kilometer weiter südlich von Noxxon, im Berliner Stadtteil Dahlem, befinden sich die Labors der Mologen AG. Auf den ersten Blick würde man sie für einen Teil der Freien Universität (FU) halten, auf deren Gelände sie sich schließlich befinden.
Diese Nähe ist in der Tat keineswegs zufällig. Das besondere Know-how, mit dem Mologen an innovativen Krebsmedikamenten und neuen Impfstoffen gegen Infektionskrankheiten arbeitet, wurde einst am Institut für Molekularbiologie und Bioinformatik der FU entwickelt.
1998 gründete der Vater dieser Entwicklung Prof. Burghardt Wittig dann die Firma Mologen. Noch im selben Jahr erfolgte der Börsengang. Es war einer der ersten in der deutschen Biotech-Szene. Wie bei Noxxon stehen auch bei Mologen Nukleotide im Mittelpunkt. Konkret tüftelt das Unternehmen an Wirkstoffen auf DNABasis.

Es geht um kleine Erbgutschnipsel, die so konzipiert sind, dass sie das körpereigene Immunsystem aktivieren. Zum Beispiel, damit dieses gegen einen Tumor vorgehen kann. „Normalerweise attackiert das Immunsystem entartete Zellen, aber wenn diese natürliche Abwehr plötzlich ausbleibt und das Immunsystem eine Toleranz gegenüber den malignen Zellen entwickelt, dann kann sich ein Tumor entwickeln“, so Mologen-Chef Dr. Matthias Schroff. „Wir versuchen, diese Toleranz wieder aufzuheben und die körpereigene Abwehr zu restimulieren.“

Scheinbar paradox mutet dabei einer der Ansätze an, den das Unternehmen verfolgt. Dieser basiert nämlich darauf, dem Patienten Krebszellen zu injizieren – ausgerechnet das also, was eigentlich bekämpft werden soll. Dabei handelt es sich allerdings um besonders präparierte Krebszellen. „Zuvor schleusen wir in diese Zellen vier Gene ein, die dazu führen, dass die Zellen vier bestimmte Proteine produzieren“, so Schroff. Diese sind so gewählt, dass sie im Körper des Patienten von Immunzellen erkannt werden – und so eine spezifische Immunabwehr ausgelöst werden kann. Weil es ganz grundsätzliche Ähnlichkeiten zwischen den fremden und den eigenen Krebszellen gibt, richtet sich das derart aktivierte Immunsystem schließlich auch gegen den Krebs des Patienten. „Mit den präparierten Krebszellen präsentieren wir dem Immunsystem gleichsam ein Fahndungsfoto“, so Schroff. Die Körperabwehr lernt auf die Art, was sie zuvor vergessen zu haben scheint. Eine Impfung gegen Krebs, wenn man so will.

Nierenzellkrebs ist so ein Tumor, gegen den Mologen eine derartige Therapie entwickelt. Die ursprüngliche Idee war es dabei, einem Patienten Zellen aus dessen Tumor zu entnehmen, diese dann außerhalb des Körpers mit den vier Protein-Bauplänen zu bestücken und dem Patienten dann die so veränderten Zellen wieder zu injizieren. Doch inzwischen geht es einfacher. Dazu hat ein Nierenkrebspatient beigetragen, der bereits in der Frühphase der Unternehmensgeschichte einem Test des Verfahrens an sich selbst zugestimmt hatte.

Dessen vor gut zehn Jahren entnommene Krebszellen lagern bis heute in den Mologen-Labors, auf minus 196 Grad gekühlt. Noch immer vermehren sie sich problemlos weiter, so dass sie eine nicht versiegende Quelle für das Impfmaterial darstellen. Diese Zellen sind es, in die man bei Mologen die vier Gene einschleust, um die entsprechende Proteinbildung anzustoßen. Damit diese Zellen, die von Hause aus ja immerhin Krebszellen sind, im Körper keinen Schaden anrichten, werden sie unmittelbar vor dem Einsatz einer radioaktiven Bestrahlung unterzogen.

„Damit endet die Teilungsfähigkeit der Zellen“, so Schroff. Fertig ist der Impfstoff. Inzwischen wurde die erste klinische Studie mit Probanden beantragt. Wie bei Noxxon (siehe Seite 30/31) musste man sich auch bei Mologen mit der Frage beschäftigen, wie man die Nukleotid-Ketten, in diesem Falle also etwa die Gene,vor dem raschen Abbau durch Enzyme schützt. Greift Noxxon an dieser Stelle zum Trick mit den Spiegelbildern, ist es bei Mologen eher die Art der molekularen Verpackung, die die Nukleotide stabilisiert. „Wir haben hierfür zwei unterschiedliche Technologien, die wir MIDGE und dSLIM nennen“, erklärt Matthias Schroff. MIDGE ist die Technologie, bei der es um das Einschleusen von Genen geht, wie etwa im all der Nierenkrebs-Behandlung. „Hier setzen wir auf beide Enden des relevanten Genabschnitts zwei molekulare Verschlusskappen, wenn man so will. Sie verhindern, dass es für ein Enzym einen Angriffspunkt gibt.“

Dr. Matthias Schroff, Vorstandsvorsitzender von Mologen. Das Unternehmen steht für einen der frühesten Börsengänge in der deutschen Biotech-Landschaft

Der eigentliche Kniff bei MIDGE ist aber noch ein anderer. Vor allem handelt es sich dabei nämlich um eine besonders „schlanke“ Lösung. Diese Reduktion des Medikaments auf die nur für die eigentliche Wir Namen: Das Kürzel steht für „minimalistische immunologisch definierte Genexpression“. Jeglicher zusätzliche Schnickschnack, wie er bei früheren Gentransfer-Verfahren produktionsbedingt auftrat, entfällt. Damit sinkt auch das Risiko von Nebenwirkungen.Bei der zweiten Technologie dSLIM ist das entsprechende Oligonukleotid-Molekül zu einer Art Hantel geformt. Auch hier fehlen offene Molekülenden, an denen Enzyme ansetzen könnten. Anders als bei MIDGE geht es bei diesem Verfahren nicht darum, genetische Baupläne für Proteine in Zellen zu schleusen. „Bei dSLIM haben wir bestimmte DNA-Muster integriert, die dem Immunsystem ein Eindringen von Krankheitserregern vortäuschen, ohne aber eine Krankheit auszulösen“, so Schroff.

Das Immunsystem reagiert mit einer breit angelegten Aktivierung und kann in der Folge auch gegen etwaige Krebszellen vorgehen. Einen solchen Kandidaten mit dem Namen MGN1703 hat Mologen bereits in der klinischen Entwicklung. Derzeit wird er in einer Phasezwei-Studie an Patienten mit Dickdarmkrebs untersucht, die zuvor eine sogenannte Erstlinientherapie durchlaufen haben. „Wir erwarten, dass die breite Aktivierung des Immunsystems durch MGN1703 eine gute Ergänzung zur herkömmlichen Chemotherapie sein wird“, so Schroff. So geht er davon aus, dass die Immunantwort auch Krebszellen trifft, die von der Chemotherapie unbehelligt geblieben sind. Solche verbliebenen Zellen sind in der Regel der Grund dafür, dass ein Krebs nach einiger Zeit erneut auftritt.
Mologen zielt mit seinen Entwicklungen aber keineswegs nur auf Krebserkrankungen. Wer sich auf die Aktivierung des Immunsystems versteht, der hat naturgemäß auch etwas zu bieten, wenn es um Infektionserkrankungen geht.

Und in der Tat hat Mologen bereits einen DNAbasierten Impfstoff gegen die Leishmaniose entwickelt. Diese von Sandmücken übertragene Krankheit kommt unter anderem in Südeuropa vor, betrifft Tiere und Menschen gleichermaßen und breitete sich zuletzt verstärkt aus. Auch hierbei kommt die MIDGE-Technologie von Mologen zum Tragen. Und erst im April wurden Mologen Fördergelder bewilligt, um einen neuen Impfstoff gegen Hepatitis B zu entwickeln.  Ziel ist ein Wirkstoff, der effizienter sein soll als bisher übliche Impfstoffe.

Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.mologen.de