
health+ spezial: Kreativ gegen Leiden
Spiegelbild-Moleküle, Gen-Schalter und mehr: Berliner Bio-Tech-Firmen nutzen neue Technologien - für die Medikamente von Morgen
Biotechnologie ist ein zentrales Element der Innovationspolitik der Länder Berlin und Brandenburg. Seit Gründung des Aktionszentrums
BioTOP Berlin-Brandenburg tut sich viel. Manche Firmen sind mit ihrer Technologie weltweit führend. Zum Beispiel Epigenomics, Noxxon, Mologen, Glycotope und Silence Therapeutics
Glycotope: Zuckersüss gegen Tumoren

- Dr. Franzpeter Bracht ist einer von drei Geschäftsführern bei Glycotope
Krebs ist nicht gleich Krebs. Vielmehr gibt es unermesslich viele Formen von Tumoren. Selbst wenn sie denselben Namen tragen, können die zugrundeliegenden Krankheitsmechanismen verschieden sein. Brustkrebs und Brustkrebs sind nicht immer dasselbe. Für den normalen Menschen ist diese Vielfalt möglichen Leidens bedrückend.
Für die Wissenschaftler, die an Krebstherapien arbeiten, ist sie wiederum eine große und sogar spannende Herausforderung. Das gilt auch für die 2001 von Dr. Steffen Goletz gegründete Berliner Biotech-Firma Glycotope. Das Unternehmen versteht sich nämlich gerade auf die Entwicklung maßgeschneiderter Wirkstoffe. Und wenn es zahlreiche Formen von Tumoren gibt, dann heißt das auch, dass es zahlreiche unterschiedliche Zielstrukturen im Körper gibt, für die es sich lohnt, Wirkstoffe maßzuschneidern.
Die Waffen, auf die die Berliner Firma dabei setzt, sind Antikörper. Jene Klasse von Eiweißmolekülen also, wie sie auch der Organismus selbst produziert, um Fremdstoffe zu bekämpfen. Seit einigen Jahren sind Antikörper insbesondere in der Krebstherapie ein heißes Thema, nicht zuletzt wegen ihrer Eigenschaft, sich zielgenau maßschneidern zu lassen. Erste solche Präparate zur Behandlung etwa von Lungenkrebs, Brustkrebs oder Leukämien sind bereits zugelassen.
Mit einem ganz besonderen Know-how will Glycotope die Möglichkeiten der Antikörper-Therapien noch weiter optimieren. Es ist das Know-how um die sogenannten Zuckerstrukturen von Proteinen, auch als Glykosylierungsmuster bezeichnet. „Antikörper bestehen wie alle Proteine vor allem aus Ketten von Aminosäurebausteinen“, erklärt Dr. Franzpeter Bracht, einer der drei Geschäftsführer von Glycotope. „Aber darüber hinaus hängen an bestimmten Stellen des Proteinmoleküls auch Zuckergruppen, die eine große Rolle für die biologische Aktivität des Proteins spielen.“ Glycotope verfügt über das Wissen, diese Glykosylierung so zu optimieren, dass sich sowohl die Stabilität als auch die Wirksamkeit von Antikörpern und anderen Proteinen im Organismus steigern lassen.
Diese besondere Expertise im Bereich der Zuckerchemie hatte im Gründungsjahr auch direkten Eingang in den Namen des Start-up-Unternehmens gefunden. Für alles, was mit Zuckerchemie zu tun hat, verwenden Chemiker die Vorsilbe Glyk(o), nach dem griechischen Wort für „süß“. Heute bezeichnet sich Glycotope als „The GlycoEngineering Company“.
Diese vom Gründer und heutigen Geschäftsführer Steffen Goletz eingebrachte Expertise fand schnell Anerkennung. 2004 wurde Glycotope mit rund 1,6 Millionen Euro „Anschubförderung“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung bedacht. Die Erfolge der ersten Jahre überzeugten zuletzt auch die Brüder Thomas und Andreas Strüngmann. Die ehemaligen Eigentümer von Hexal, einem der größten Generika-Hersteller in Deutschland, stellten Glycotope 2008 deutlich mehr als 40 Millionen Euro zur Finanzierung der Entwicklungsprojekte zur Verfügung. Bis heute ist das eines der größten Investments in ein deutsches Biotech-Unternehmen.
Die Aktivitäten um die Entwicklung von Wirkstoffen für die Tumortherapie umfassen sowohl eigene, neue Antikörper als auch die Optimierung bereits am Markt befindlicher Antikörper- oder anderer Protein-Präparate. Die eigenen Kreationen tragen Namen wie PankoMab oder KaroMab. Bei den Weiterentwicklungen geht es unter anderem um den Antikörper Cetuximab, der bereits gegen Darmkrebs sowie Kopf- und Halstumoren Einsatz findet, oder auch um das follikelstimulierende Hormon (FSH) zur Behandlung von Unfruchtbarkeit.
Um solche bewährten Produkte noch weiter zu optimieren und sogenannte „Next Generation Pharmaceuticals“ zu entwickeln, greift Glycotope gerade auf sein spezifisches „Zuckerwissen“ zurück. Die selbst entwickelte Schlüsseltechnologie, die es dabei verwendet und die andere Wettbewerber nicht besitzen, nennt sich GlycoExpress (GEX). „Dahinter verbirgt sich eine Expressionsplattform zur Herstellung von Proteinen mit vollhumanen Zuckerstrukturen und optimierter Glykosylierung“, erklärt Franzpeter Bracht. Mit „vollhuman“ ist gemeint, dass diese Moleküle nichts enthalten, was dem menschlichen Organismus unbekannt wäre. Gerade dies ist bei vielen bisherigen Antikörpern nicht gegeben, da sie in tierischen Zellen, zum Beispiel Hamsterzellen, produziert werden. Demgegenüber bedient sich Glycotope menschlicher Zellen, um die gewünschten Proteine zu gewinnen.

- Zielen und treffen – diesen Wunsch hegen auch die Entwickler von Arzneimitteln. Als besonders zielsicher gelten Präparate auf Antikörper-Basis. Glycotope verfügt über Knowhow,
Weil diese sich auf „humane“ Strukturen beschränken, verbessert sich zugleich ihre Verträglichkeit. Mit der Optimierung des Glykosylierungsmusters wiederum gelingt es Glycotope, die Wirkung sowohl zu steigern als auch zu verlängern. Unter dem Strich sorgt GlycoExpress also für verträglichere sowie besser und länger wirkende Substanzen.
Der am weitesten entwickelte Antikörper PankoMab wird inzwischen in einer ersten klinischen Studie der Phase eins an krebskranken Menschen untersucht.
Dabei geht es nicht mehr nur um Verträglichkeit. „Wir ermitteln derzeit auch erste Daten zur Wirksamkeit“, erklärt Bracht. Noch in diesem Jahr werde entschieden, bei welchen Tumorarten die Wirksamkeit auch in Phase-zwei-Studien getestet werden soll. Darüber hinaus ist bis Ende 2010 mitdrei weiteren Kandidaten der Start klinischer Studien geplant.
Den Anfang soll noch im Sommer CetuGEX machen, die Weiterentwicklung von Cetuximab. Auch wenn Glycotope die Bekämpfung von Krebs als seine wichtigste Aufgabe ansieht, so sollen weiterhin auch Kompetenzen in der Immundiagnostik und bei anderen analytischen Dienstleistungen weiterentwickelt werden.
Dazu passte auch die 25-jährige Erfahrung im Diagnostik-Geschäft, die Glycotope übernahm, als man 2008 die Heidelberger „Orpegen Pharma“ kaufte – und als Tochterunternehmen Glycotope Biotechnology eingliederte. Primär diente dieser Kauf allerdings dem Erwerb einer biopharmazeutischen Produktion auf qualitativ höchstem Niveau. So ermöglichen die in Heidelberg übernommenen Einrichtungen, Wirkstoffe gemäß den Vorgaben der sogenannten „Good Manufacturing Practices“ (GMP) herzustellen – in behördliches Muss für alle, die hierzulande Wirkstoffe und Medizinprodukte auf den Markt bringen wollen. „Mit den dortigen vier Bioreaktorlinien und der Herstellerlaubnis haben wir eine große Unabhängigkeit erlangt und können nahezu die komplette Entwicklung eines Medikaments bei uns im Unternehmen durchführen“, freut sich Bracht. „Mit der sterilen Medikamenten-Abfüllung bieten wir außerdem eine der Königsdisziplinen der GMP an.“
Bei diesem Spektrum verwundert es nicht, dass Glycotope mit mittlerweile über 120 Mitarbeitern eines der größten Biotech-Unternehmen Deutschlands ist. |
www.glycotope.de



