Ernährungslügen
Ernährungsforschung

DIABETES IM KOPF

Neue Spur im Kampf gegen Demenz. Ein entscheidender Impuls stammt von einem Charité-Forscher

Beschäftigt sich seit 30 Jahren mit der Biochemie von Galactose: Prof. Dr. Werner Reutter von der Charité-Univer-sitätsmedizin Berlin

Kann die tägliche Einnahme von Galactose helfen, Demenzerscheinungen vorzubeugen oder diese zu behandeln? Zu den Ersten, die den Verdacht hegten, Galactose, chemisch ein enger Verwandter des Traubenzuckers Glucose, könne angeschlagene Gehirnzellen wieder auf Trab bringen, zählten Prof. Dr. Werner Reutter und Dr. Kurt Mosetter. „Einen Hinweis gab es schon Ende der 70er Jahre, als ich noch in Freiburg forschte“, so der Biochemiker Reutter, seit vielen Jahren am Institut für Biochemie und Molekularbiologie an der Charité-Universitätsmedizin Berlin. „Damals gab ich einem Lebertumorpatienten, bei dem eine Somnolenz, also eine Bewusstseinstrübung, eingesetzt hatte, täglich drei Teelöffel Galactose. Die Somnolenz verschwand sehr schnell – und der Patient war bis zu seinem Tod klar im Kopf.“

Die Frage, was die Galactose genau bewirkte, ließ Reutter nicht los. Heute, fast 30 Jahre später, weiß er mehr: „Es scheint so zu sein, dass die Gehirnzellen von Demenzkranken unter Glucose-Mangel leiden und dass Galactose diesen Mangel ausgleicht.“ In der Tat wiesen Heidelberger Forscher inzwischen nach, dass das Gehirn von Alzheimer-Patienten dem Blut weniger Glucose entnimmt, als dies bei gesunden Menschen der Fall ist.

Dafür könnte eine Insulinresistenz der Gehirnzellen verantwortlich sein, in deren Folge nur unzureichend Glucose in die Zellen gelangt. Manche Wissenschaftler bezeichnen die Alzheimersche Krankheit wegen dieser Ähnlichkeit zum Diabetes mellitus Typ II daher auch als Diabetes Typ III. Möglicherweise beginnen die Gehirnzellen aufgrund ihres Glucose-Mangels, sich das begehrte Molekül anderweitig zu besorgen, etwa durch den Abbau eigener Zellbestandteile. Ganz so, als ob man sein Holzhaus zerlegt, damit man den Ofen darin weiter befeuern kann, wenn von außen kein Holz mehr geliefert wird.

Aber wieso könnte Galactose diese Zerstörung aufhalten? „Galactose gelangt durch eine andere ‚Tür‘ in die Zellen als Glucose, ist also von der Insulinresistenz nicht betroffen“, so Reutter. „In der Zelle wird Galactose dann schnell in Glucose umgewandelt.“ Der „Brennstoff“-Mangel wäre behoben.

Die Annahme wird gestützt durch Versuche an der Universität Zagreb. Als man dort im Gehirn von Ratten ganz gezielt die Insulinrezeptoren ausschaltete, ließen Gedächtnis- und Orientierungsleistungen der Tiere nach. Gab man den Nagern aber zugleich Galactose, blieben ihre Gedächtnisfähigkeiten normal.

Ob sich dieser Zucker auch bei dementen Menschen bewährt, muss noch untersucht werden. Eine erste Studie an der Universität Hannover ist kürzlich zu Ende gegangen und befindet sich in der Auswertung. Daran hatten 60 Menschen mit einer sogenannten minimalen kognitiven Störung, die den Beginn einer Demenz markieren könnte, teilgenommen. Eine Gruppe bekam dreimal täglich vier Gramm Galactose, die andere Glucose.

Sollte sich konkretisieren, dass Demenz-Betroffene, insbesondere solche mit der Variante Alzheimer, von Galactose profitieren würden, dann müssten sie sich die Substanz als Nahrungsergänzungsmittel zuführen. Zwar kann der Körper Galactose auch aus der in Milch und Milchprodukten enthaltenen Lactose abspalten, aber dies nur in so geringem Maße, so Reutter, dass es für eine Therapie nicht ausreichend wäre.

Infos unter: Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.galactose.de        

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