
Die Gene essen mit
Am Deutschen Institut für Ernährungsforschung bei Potsdam wird nicht etwa geschlemmt. Vielmehr erforschen die rund 275 Mitarbeiter die Zusammenhänge zwischen der Ernährung und Erkrankungen
Im Deutschen Institut für Ernährungsforschung (DIfE) in Rehbrücke, am südlichen Stadtrand Potsdams, sieht man nicht sofort, dass sich hier alles um Ernährung dreht. Keine Vitrinen mit Lebensmittel-Imitaten, keinerlei Fotos, die auf das Forschungsthema hindeuten. Wer den Empfang im Hauptgebäude passiert und das Foyer erreicht, blickt zunächst auf Abbildungen ehemaliger Direktoren. Später dann Laborräume, die man so auch in der Pharmaforschung oder in der Botanik antreffen könnte. Natürlich. Auch am DIfE werden letztlich Zellprozesse untersucht, Gene entschlüsselt und Substanzen analysiert.
Welche Erkenntnisse dabei gewonnen werden, konnte man erst im Oktober in der renommierten Fachzeitschrift Nature Genetics nachlesen. Da hatten DIfE-Wissenschaftler über ein Gen publiziert, das mit darüber entscheidet, ob Mäuse auch bei fettreicher Kost schlank bleiben. Konkret waren die Forscher auf eine natürliche Mutation dieses Gens gestoßen, die den Energiestoffwechsel so beeinflusst, dass die Mäuse kein Gewicht zulegen und auch seltener an Diabetes erkranken. Wegen vieler genetischer Übereinstimmungen von Maus und Mensch ein hochinteressanter Befund.
Die Gene essen mit, so viel ist klar. „Nicht nur wie viel Nahrung wir aufnehmen, sondern auch wie wir sie in unserem Körper umsetzen, ist entscheidend für die Entstehung von Übergewicht und Diabetes“, sagt Prof. Hans-Georg Joost, wissenschaftlicher Direktor des DIfE und Mitautor des Beitrags. Und dieses jeweilige „Umsetzen im Körper“ ist eben auch von den Genen abhängig – und kann damit von Mensch zu Mensch variieren. Dieser Unterschied beeinflusst nicht zuletzt das individuelle Krankheitsrisiko eines Menschen. Wie komplex das Geschehen dabei ist, belegt die aktuelle Einschätzung der Forscher, dass bis zu 50 Gene bei der Entstehung von Übergewicht eine Rolle spielen
könnten. Bei Diabetes dürften es sogar mehr als 100 sein.

- Die Mechanismen von Stoffwechselerkrankungen besser zu verstehen könnte neue Therapie- und Präventions-ansätze eröffnen, hofft DIfE-Leiter Prof. Dr. Dr. Hans-Georg Joost. Bei der Klärung der Mechanismen hilft auch die Arbeit mit fettleibigen Mäusen (r.)
Übergewicht, Typ-II-Diabetes und auch Krebserkrankungen zu verstehen und dabei insbesondere auch den Einfluss der Ernährung zu ermitteln ist ein ganz wesentlicher Schwerpunkt der DIfE-Forschung. Bei dieser hilft ein bedeutender Teil der Potsdamer Bevölkerung ganz maßgeblich mit. Über 27.000 Einwohner im Alter zwischen 35 und 65 Jahren machten 1994 mit, als am DIfE eine Langzeitstudie begann, die bis heute andauert. Sie ist Teil der „European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition“, kurz EPIC, – eine Untersuchung, die sich auf zehn EU-Länder erstreckt und insgesamt über 500.000 Teilnehmer umfasst. Das DIfE ist eines von zwei beteiligten deutschen Forschungszentren.
Regelmäßig füllen die Teilnehmer Fragebögen zu ihrem Ernährungsverhalten und zu sonstigen Gewohnheiten aus. Zugleich wurden Blutwerte und andere physiologische Daten erfasst, und in einigen Fällen stehen auch genetische Informationen zur Verfügung. Die große Zahl der Teilnehmer und die Länge des Beobachtungszeitraums erlauben es, mit solider Statistik Zusammenhänge zwischen diesen Daten und bestimmten Erkrankungen zu erkennen. Ein bisheriger Befund dabei: Obst- und Gemüseverzehr mindern das Risiko, an bestimmten Krebsarten zu erkranken. „Für Mund-, Rachen-, Kehlkopf- und Speiseröhrenkrebs gilt dies allerdings nur bis zu einem Schwellenwert von 300 Gramm pro Tag“, sagt Professor Heiner Boeing, der die Potsdamer EPIC-Studie leitet. Mehr Obst und Gemüse habe auf diese Tumorarten dagegen keinen weiteren mindernden Effekt mehr. In ähnlicher Weise hat eine europaweite EPIC-Auswertung ergeben, dass Schweine-, Rind-, Kalbs- und Lammfleisch das Risiko von Darmkrebs erhöhen, während Fisch es mindert.
Auch wenn EPIC den Krebs (Cancer) im Namen trägt, geht es außerdem auch um andere Krankheiten. So haben DIfE-Forscher auf Basis der Daten der Potsdamer Teilnehmer inzwischen den Deutschen Diabetes-Risiko-Test entwickelt?– einen Fragebogen, mit dem sich das ganz persönliche Risiko, an Typ-II-Diabetes zu erkranken, abschätzen lässt. Er kann auf der DIfE-Homepage abgerufen oder dort direkt online ausgefüllt werden. Überhaupt Diabetes. Angesichts der erwarteten Zunahme der Zahl der Betroffenen und der hohen Folgekosten für die Volkswirtschaft ist die Diabetes-Forschung ein klarer DIfE-Schwerpunkt. Und inzwischen ist auch hier klar: Lebensweise ist nicht alles, auch die Gene spielen eine wichtige Rolle. So hat sich gezeigt, dass der diabetespräventive Effekt von Ballaststoffen, etwa aus Vollkornprodukten, nur gegeben ist, wenn ein beteiligtes Gen in einer ganz konkreten Variante vorliegt. Für alle, die eine bestimmte andere Variante in sich tragen, kommt die positive Wirkung von Vollkornnahrung gar nicht zum Tragen. Das sei natürlich keine Absage an Vollkornbrot, betont Joost, denn auch für die Darmgesundheit seien Ballaststoffe wichtig, aber es legt zumindest nahe, dass die Gruppe mit der „falschen“ Gen-Variante verstärkt andere vorbeugende Maßnahmen ergreifen sollte, etwa Sport.
Gut möglich also, dass eines Tages ein Gentest helfen wird, Hochrisikokandidaten zu erkennen, die ihr Leben dann entsprechend ausrichten können. Daneben liefere die Erforschung der beteiligten Gene aber auch noch ganz andere Impulse, betont Joost. „Ein Gen steht ja immer für ein bestimmtes Eiweiß, etwa ein Enzym. Wenn man sieht, dass ein solches Enzym eine Rolle bei einer Krankheit spielt, dann kann man auch gezielt nach Medikamenten suchen, die dieses Enzym beeinflussen.“ Und plötzlich wird klar: Ernährungsforschung kann auch die Pharmaforschung befruchten.
Infos unter:
www.dife.de



