Spa im märkischen Seenwald
Tradition

32 mal kauen

Auch große Dichter müssen essen. Und sie taten es mit Genuss – meistens

Selten sturzbesoffen: Schluckspecht Goethe mit Gästen

Er aß jede Menge. Und fast genauso viel schrieb er darüber. In jedem Roman von Theodor Fontane wird mindestens einmal ausgiebig getafelt. Und von „Effi Briest“ bis zum „Stechlin“ kann der Leser sicher sein: Ihm entgeht nichts, was auf den Tisch kommt: von Heringssalat bis Sülze, von Edamer bis Pfeffergurke. Er sei nun mal nicht für halbe Portionen, hat der märkische Dichter von sich gesagt. Und sich konsequent dran gehalten. Fontane war Suppenfanatiker und trank in unvorstellbaren Mengen Kaffee. Hammelkoteletts mit Bohnen, Quetsch- und Bratkartoffeln waren seine Lieblingsgerichte. Und zwischen den Gelagen unterwarf er sich übellaunig sogenannten Hungerkuren mit Tee, Rotwein und Selters.

Zumindest beim Rotwein hätte Goethe genickt. Und auch was die Essensmengen angeht, wäre das Weimarer Dichtergenie wohl einverstanden gewesen. Bald 100 Speisen sind bekannt, die er schätzte. Ganz oben auf der Liste: kräftige Brühen und die Frankfurter „Grie Soß“ (grüne Soße) von seiner Mutter. Silvester 1831 aß der Dichter des „Heiderösleins“ schon mittags Sagosuppe, Gänseleber mit Soße, märkische Rübchen mit Koteletten, Rehrücken und Apfelkompott. Am Abend gabs dann Wildbret. Und natürlich zu allem?– Wein. Eigentlich trank Goethe immer, bevorzugt Weißwein, manchmal auch Champagner. An manchen Tagen köpfte er drei Flaschen. Und wenn er auf einer seiner Kuren weilte, ließ er sich die edlen Tropfen gleich kistenweise mit der Kutsche nachbringen. Sturzbesoffen scheint er dennoch selten gewesen zu sein. „Schön und appetitlich“ habe Goethe gegessen, notierte ein Besucher im Haus am Frauenplan. Ganz anders Friedrich Schlegel, der jedes Stück auf dem Teller mit dem Lorgnon beäugte und spitzfindige Kommentare abgab.

Argwöhnisch geäugt hat allerdings auch Franz Kafka. Der Dichter des „Hungerkünstlers“ trieb die gesunde Ernährung sogar auf die Spitze. Weite Strecken seines kurzen Lebens lebte er vegetarisch. Und von seinen zahlreichen Kuren brachte er immer neue naturheilkundliche Ernährungslehren mit nach Hause, die er penibel befolgte. Etwa das „Fletschern“ – eine Methode, bei der man jeden Bissen vor dem Herunterschlucken 32-mal kauen muss. Viel zu beißen gab es eh nicht. Morgens aß Kafka Milch, Kompott und Cakes, mittags vorwiegend Gemüse, und um halb zehn noch einmal Joghurt, Simonsbrot, Nüsse und Obst. Alkohol, Kaffee, ja sogar Tee waren tabu.

Tabubrecher Brecht dagegen ließ sich ganz gerne von seinen Geliebten um die Wette bekochen. Helene Weigel verwöhnte den dürren Dichter mit raffinierten Pilzgerichten und hängte Ruth Berlau mit deren Käsebroten ab. Brecht aß wenig, aber mochte viel. Etwa Pfannekuchen oder Spargel mit Essig und Öl. Alkohol dagegen nahm er fast gar nicht zu sich. Manchmal etwas Bier. Das meiste andere machte ihn schlapp. Ruth Berlau über den Dichter krachender Exzesse: „Bei Champagner schläft der Meister ein.“

Nach oben