
DER BLOSSE PREIS SAGT GAR NICHTS AUS
Gibt es gutes Essen nur noch für Betuchte? Sind Arme zur Mangelernährung verdammt? „Health+“ sprach mit Foodwatch-Gründer Thilo Bode über Bio-Nahrung, Tütensuppe – und die Menschen und Probleme dazwischen

- Thilo Bode, Jahrgang 1947, war Geschäftsführer der deutschen Sektion der Umweltorganisation Greenpeace (1989 bis 1995) und bis 2001 Geschäftsführer von Greenpeace International. 2002 gründete der studierte Soziologe und Volkswirtschafter die Verbraucherschutz-Organisation Foodwatch, die sich für mehr Transparenz und Verbraucherrechte bei Lebensmitteln stark macht. 2007 erschien von Thilo Bode im S. Fischer Verlag das Buch „Abgespeist – wie wir beim Essen betrogen werden und was wir dagegen tun- können“
Herr BODE, ein 15-Jähriger benötigt 4 Euro 68 pro Tag, wenn er sich mit Lebensmitteln aus dem Supermarkt gesund ernähren will. De facto hat er im Schnitt aber nur 3 Euro 42 Euro. Muss man in Deutschland reich sein, um gesund essen zu können?
BODE Sicher ist, dass es in Deutschland eine armutsbedingte Fehlernährung, gibt, von der Millionen Menschen betroffen sind.
Die einen essen Soja-Joghurt aus dem Biomarkt, die anderen die Tütensuppe vom Grabbeltisch. Ist das die Zwei-Klassen-Ernährung?
BODE Eindeutig: ja. Etwa 20 Millionen Menschen in Deutschland haben nicht genug Geld, sich gesund und ökologisch verantwortlich zu ernähren.
Da liegt der Griff in die superbillige Ecke der Supermarkt-Theke nahe?– und die Enttäuschung ist programmiert. Stichwort Gammelfleischskandal. Selber schuld, könnte man da sagen. Wieso…
BODE …kauft denn jemand die extrem billige Wurst? Natürlich kann man das fragen. Aber es ist der falsche Ansatz.
Warum?
BODE Überlegen Sie mal: Ist jemand, der ein günstiges und daher schlecht verarbeitetes Auto fährt, selbst schuld, wenn er damit verunglückt?
Natürlich nicht.
BODE Eben. Schuld ist der Hersteller oder in letzter Hinsicht der Staat, der solche Autos auf die Straße lässt. Für Autos gibt es diese Kontrolle ja auch?– bei Lebensmitteln dagegen nicht. In Europa sind jährlich um die 16 Millionen Tonnen Abfallfleisch im Handel. Und es gibt keine Instanz, die das regelt. Sonst wäre das Problem nämlich schnell vom Tisch – im wahrsten Sinne des Wortes.
Fazit?
BODE Auch billiges Fleisch muss im Prinzip genauso sicher sein wie teures. Und es ist am Staat, das zu gewährleisten.
Das klingt ja, als schwebe man schon in Lebensgefahr, wenn man in ein preiswertes Kotelett beißt.
BODE Zumindest wissen wir nicht, wie viele Menschen schwere Magenkrämpfe haben, weil sie verdorbenes Fleisch gegessen haben. Laut Lebensmittelrecht muss erst eine Leiche da sein, damit die Behörden agieren. Wenn wir völlig legal langfristig Gifte wie Dioxin, die sich im Körper anreichern, über das Essen zu uns nehmen können, dann ist das einfach nur menschenverachtende Politik.
Und die Eigenverantwortung des Konsumenten? Kann der sich nicht selber informieren?
BODE Eben nicht. Eine Wurst, deren Darm aus China, deren Kalbfleisch aus Ungarn, Schweinefleisch aus Polen und Petersilie aus Südafrika stammt, darf sich „Original Münchner Weißwurst“ nennen, wenn nur eine einzige Produktionsstufe in oder um München angesiedelt ist. Das ist ganz legal. Wie ?soll sich der Verbraucher da informieren?
Kann er zumindest umgekehrt davon ausgehen, dass die teureren Lebensmittel auch die besseren sind?
BODE Nein. Am Preis lässt sich das nicht abschätzen. Manchmal ist teuer sogar schlechter: Der schädliche Stoff Acrylamid kommt zum Beispiel in den teuersten Chips genauso oft vor wie in billigen. Und Schlachtabfälle können sich genauso gut im Gulasch eines gehobenen Restaurants finden wie in der Dönerbude. Auch vor Gammelfleisch ist man nie sicher.
Der Preis ist also nicht entscheidend?
BODE Der bloße Preis sagt gar nichts aus. Deshalb kann der Verbraucher die Situation auch nicht mit seinem Einkaufsverhalten verbessern, sondern es braucht Regeln von oben. Die Politik hat oft versucht, dem Verbraucher zu suggerieren, er sei schuld, weil er zu billig kaufe. Für mich ist das eine absolute Unverschämtheit. Übrigens bietet die Lebensmittelindustrie auch oft mit falschen Werbebotschaften Scheininnovationen an, mit denen man dann im Grunde schlechtere Produkte bekommt als vorher – für mehr Geld.
Als Mogel-Packungen – im wahrsten Sinne des Wortes?
BODE Ja. Und gemogelt wird auch bei den Zusatzstoffen, die in vielen Lebensmitteln enthalten sind – von Geschmacksverstärkern über Farb- bis zu Konservierungsstoffen.
Geben Sie ein paar Beispiele.
BODE Die Spargelsuppe enthält zwar wenig Spargel, dafür aber viel Geschmacksverstärker. Schinken oder Leberwurst wird künstlich mit Aromen versetzt, Butter mit Farbstoff. Und viele Zusatzstoffe sind gesundheitlich umstritten. Wussten Sie, dass Zitronensäure, die in Marmeladen oder Getränken steckt, Zähne schädigen kann und in anderer Konzentration in Abflussreinigern eingesetzt wird? Und um auf den Preis zurückzukommen: Ein Schlagsahne-Ersatz hat elf Prozent weniger Fett, enthält aber Stabilisatoren, Aromen und gehärtete Fette ?– und ist etwa doppelt so teuer wie normale Schlagsahne.
Was könnte dem Verbraucher denn helfen?
BODE Entscheidend ist letztlich, dass er sich beim Lebensmittelkauf informieren kann und informiert wird. Dass er selbst entscheiden kann: Dieses Risiko will ich jetzt eingehen?– und jenes nicht.
Spielen Sie auf den Schweizer Konzern Coop an?
BODE Genau. Der hat sein gesamtes Sortiment nach Farben gekennzeichnet. Bio ist grün, blau ist die Eigenmarke, rot ist Schweizer Qualität, und ?Rosa bedeutet Discounter-Qualität.
Und was heißt Discounter-Qualität?
BODE Es ist nichts drin, was verboten ist. In diesem Rahmen ist alles erlaubt.
Klingt nicht sehr beruhigend.
BODE Immerhin kann man in diesem Coop Fleisch innerhalb eines breiten Preisspektrums kaufen. Und man weiß genau, wofür jeder einzelne Preisunterschied steht.
Gehen Sie selber überhaupt noch in Restaurants?
BODE Nein. Dazu ärgere mich zu oft. Das sind Orte der Intransparenz.
Mal ganz ehrlich: Essen Sie selber manchmal Fast Food?
BODE Na ja, unterwegs, wenn ich sehr großen Hunger habe, dann kaufe ich mir ehrlich gesagt lieber einen Hamburger bei McDonald’s als ein undefinierbares Sandwich. In Sachen Fleisch ist McDonald’s mittelmäßig, aber in puncto Sicherheit ist man gut aufgehoben. Ich weiß also zumindest, was drin ist. Allein das ist in Deutschland schon was wert.


