
Wenn der Appetit stirbt
Ältere Menschen essen häufig zu wenig. Viele Kliniken und Heime haben das Problem erkannt und arbeiten an Gegenmaßnahmen. Dabei kann auch hochkonzentrierte Trinknahrung helfen
"Ach Herr Meier, Sie haben ja schon wieder nicht aufgegessen.“ Ein Satz, den das Klinikpersonal in Deutschland jeden Tag zigfach ausspricht. In den meisten Fällen ist Herr (oder auch Frau) Meier dabei im fortgeschrittenen Alter. Obwohl weniger bekannt, ist Mangelernährung in Deutschland längst fast ebenso verbreitet wie Fettleibigkeit. So beziffert der Medizinische Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen die Zahl der mangelernährten über 60-Jährigen mit 1,6 Millionen.
Per Definition ist bei dieser Altersgruppe dann von Mangelernährung die Rede, wenn der Body-Mass-Index einen Wert von 20 kg/m2 unterschreitet. Streng genommen gibt es darüber hinaus aber auch unter „normalgewichtigen“ und sogar übergewichtigen Menschen Fälle von Mangelernährung, zum Beispiel dann, wenn dem Körper aufgrund einseitiger Ernährung bestimmte Nährstoffe fehlen, etwa Proteine, essenzielle Fettsäuren oder Mineralien.
Sechs bis zehn Prozent der älteren Menschen seien mangel-ernährt, so ein Befund des Beratungsunternehmens Cepton. Im Pflegebereich und in Heimen liege diese Quote bei rund 20 Prozent und in den geriatrischen, also auf ältere Patienten spezialisierten Abteilungen der Kliniken, sogar bei 40 bis 60 Prozent. „Es gibt keine geriatrische Einrichtung, die sich nicht mit Mangelernährung beschäftigt“, nickt Cornelie Mittelstädt-Hendrix, die den Heimbereich des – eng mit der Charité verbundenen – Evangelischen Geriatriezentrums Berlin (EGZB) leitet. Nicht jeder Betroffene falle durch ein niedriges Körpergewicht auf. Das Personal achtet daher auch auf andere typische Folgeerscheinungen von Nährstoffmängeln. „Druckgeschwüre können beispielsweise ein Anzeichen von Eiweißmangel sein“, so die Fachfrau. Häufige Stürze aufgrund fehlender Muskelkraft oder auch Wahrnehmungsstörungen, die auf ein Zuwenig an Fettsäuren, Vitaminen oder Spurenelementen hindeuten können, sind weitere Alarmsignale.

- Gemeinsam zu essen ist -schöner – und kann helfen, auch mangel-ernährte ältere Menschen wieder an den Tisch zu bewegen. Wo das scheitert, greifen andere Maßnahmen
Mitunter besteht ein Teufelskreis: Der unterernährte Körper ist antriebsloser – und damit auch weniger zum Essen motiviert. In vielen Einrichtungen gibt es daher längst ein Ernährungsmanagement. „Wir führen mit jedem ein Ernährungs-Assessment durch“, so Cornelie Mittelstädt-Hendrix, „und dann entscheidet ein interdisziplinäres Team über den weiteren Ernährungsplan.“ Dabei wirken Ärzte, Psychologen und Logopäden gleichermaßen mit – und tragen so den vielfältigen Ursachen Rechnung, die Mangelernährung haben kann. Zu denen zählen Appetitlosigkeit, Probleme beim Einkaufen, nachlassendes Geschmacks- und Geruchsempfinden, Kau- und Schluckbeschwerden, fehlende Geselligkeit oder auch Medikamente, deren Nebenwirkungen auf den Magen schlagen. Die Liste ließe sich fortsetzen. Auch Demenz oder eine Tumorerkrankung und deren Behandlung können die Lust aufs Essen hemmen. Manchmal sei es auch Scham über den Verlust der Fähigkeit, mit Messer und Gabel umzugehen, weiß Mittelstädt-Hendrix.
Im Pflegebereich herrscht Einigkeit darüber, dass es oberste Priorität bei den Gegenmaßnahmen ist, die reguläre Nahrungsaufnahme zu unterstützen. Mitunter helfe schon eine energiereichere Kost, so Mittelstädt-Hendrix. Andere animiere man mit Lieblingsspeisen wieder zum Essen. Die Bewohner in Kochgruppen mitwirken zu lassen sei ebenfalls stimulierend. Und wer den Umgang mit dem Besteck nicht mehr beherrsche, dem könne fingergerechte Nahrung helfen.
Aber es gibt auch die Fälle sehr ausgeprägter Appetitlosigkeit. Dann kann Trinknahrung wertvolle Dienste leisten, die die benötigten Nährstoffe in konzentrierter Form enthält – und die Betroffenen können sie wegen ihrer flüssigen Form auch leichter zu sich nehmen. Mit dieser kann wahlweise ergänzt oder auch der komplette tägliche Bedarf gedeckt werden. Hersteller wie der europäische Marktführer Fresenius Kabi bieten eine umfangreiche Palette solcher Produkte an?– mit diversen Zusammensetzungen und auch Geschmacksrichtungen.
Eine Studie an der Charité hat den Einfluss einer drei Monate währenden, zusätzlichen Gabe von Trinknahrung bei unterernährten Patienten, die an Leberzirrhose oder gutartigen Magen-Darm-Erkrankungen litten, untersucht. Tatsächlich verbesserten sich wichtige physiologische Kenngrößen und auch die allgemeine Lebensqualität mehr als in der Gruppe, die „lediglich“ eine Ernährungsberatung erhalten hatte. Die Trinknahrung senkte auch die Zahl derer, die erneut in klinische Behandlung mussten.
Für Ernährungswissenschaftlerin Dr. Tatjana Schütz von der Charité ein wichtiger Punkt: „Wenn man Mangelernährung frühzeitig erkennt und geeignete Maßnahmen ergreift, dann mag das zunächst Kosten verursachen, doch es werden auch kostspielige Ereignisse vermieden, etwa Stürze oder wiederholte und längere Klinikaufenthalte.“ Zu diesem Fazit kam auch die Cepton-Studie, die die ökonomischen Vorteile gezielter klinischer Ernährungsansätze kalkuliert hatte. Und Einsparungen scheinen dringend geboten: Cepton beziffert die durch Mangelernährung verursachten jährlichen Kosten in Deutschland auf neun Milliarden Euro. Tendenz steigend – wegen der demografischen Entwicklung. Wenn alle Register der Ernährungstherapie gezogen werden, dann lässt sich die Situation nachhaltig verbessern. Das erlebt auch Cornelie Mittelstädt-Hendrix am EGZB. „Mit unseren vielfältigen Ansätzen, die Betroffenen zum Essen zu motivieren oder sie mit ergänzender Nahrung zu versorgen, können wir eine Mangelernährung fast immer korrigieren“, berichtet die Leiterin des Heimbereichs.
Worauf es daher vor allem ankommt, ist ein Frühwarnsystem. „Der Ernährungszustand älterer Personen sollte regelmäßig kontrolliert und beurteilt werden, ebenso wie die Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr“, empfiehlt die Informationsbroschüre „Mangelernährung im Alter“, die Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz und Deutsche Gesellschaft für Ernährung herausgegeben haben. Es reicht dabei nicht, dass Kliniken und Pflegeheime Untersuchungen bei ihren Neuaufnahmen machen. Wichtig ist auch die Aufmerksamkeit der Hausärzte. „Und natürlich muss das medizinische Personal die richtigen Schlüsse aus seinen Beobachtungen ziehen“, so Tatjana Schütz. Wenn Herr Meier also sein Mittagessen wiederholt stehen lässt, dann müssen bei jeder Schwester die Alarmglocken läuten.
Infos zum EGZB unter:
www.egzb.de;
Infos zu Trinknahrung unter:
www.dgem.de/leit.htm (Leitlinien),
www.fresenius-kabi.de und
www.enterale-ernaehrung.de (Produkte)


