Mangelernährung
Spa im märkischen Seenwald

Wer gesund is(s)t lernt gesund

Junkfood ade: Ein Landesprogramm bringt Gesundheit in Berliner Schulen. Lehrer, Eltern, Schüler – alle machen mit

Schlechte Ernährung...

Früher gehörte es in die Schultasche wie Hefte und Stifte. Die Mutter steckte es einem in den Tornister. Und obendrauf kam meist noch ein Apfel oder eine Banane.

Heute können sich viele Kinder unter einem Pausenbrot kaum noch etwas vorstellen. „Es gibt Schüler, die kommen in die Schule, ohne überhaupt gefrühstückt zu haben. Oder sie sind völlig ausgetrocknet, weil keiner darauf achtet, dass sie genug trinken“, sagt Christel Schminder.

..gehört für viele Kinder zum Alltag

Sie spricht aus Erfahrung. Schminder ist Landeskoordinatorin im Landesprogramm „Gute gesunde Schule Berlin“. Eine Initiative, die sich aus dem Modellprojekt Anschub.de entwickelt hat – einem von der Bertelsmann-Stiftung initiierten, nationalen Programm zur schulischen Gesundheitsförderung. Die Idee hinter Anschub: Nur wer gesund ist, der kann auch gut lernen. Wer schulische Leistung fordert, muss daher Gesundheit fördern. „Wir wollen die Schul- und Bildungsqualität nachhaltig durch Gesundheit verbessern“, sagt Rüdiger Bockhorst, Mitarbeiter der Bertelsmann Stiftung und Projektleiter von Anschub.de. Ziel der Bemühungen ist die „gute gesunde Schule“.

Denn gerade was die Gesundheit angeht, hapert es bei vielen Schülern. Beispiel Adipositas. Sie nimmt unter Kindern rasant zu – mitsamt den Folgeerkrankungen. Rüdiger Bockhorst: „Man kann sich jetzt fragen, was Adipositas überhaupt mit Schule zu tun hat. Denn meistens stecken Ernährungsprobleme dahinter, die in den Elternhäusern entstehen. Doch sobald ein Kind in der Schule gehänselt wird oder nicht mehr am Sport teilnehmen kann, wird Adipositas zum pädagogischen Problem und betrifft eben auf einmal auch das Schulleben und den Unterricht und damit die Lehrer.“ Für Bockhorst nur ein Beispiel dafür, dass Gesundheit und Bildung eng zusammenhängen. „Man kann sie gar nicht trennen.“

Oft fehlt es bereits im Elternhaus…

 Und die Probleme lassen sich nur gemeinsam lösen. In den „guten gesunden Schulen“ des Landesprogramms ziehen alle an einem Strang. Eltern sind gefragt, sich aktiv an den Entscheidungen der Schule zu beteiligen und ihre Vorstellungen beizusteuern – etwa auf den regelmäßig stattfindenden „Klima-Konferenzen“. Lehrer sind aufgefordert, über den Rand ihres Faches hinauszublicken – auf Schule, Bildung und Gesundheit als Ganzes. Schüler engagieren sich in Projekten und Workshops. Außer der Bertelsmann Stiftung und der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung unterstützen auch externe Institutionen, darunter zahlreiche Krankenkassen, die Unfallkasse Berlin sowie die Ärztekammer, das Landesprogramm.

Möglichkeiten, mehr Gesundheit und Gesundheitsbewusstsein in die Schulen zu bringen, gibt es viele. Zum Beispiel regelmäßige Bewegungspausen. Ein Elterncafé. Ein gemeinsames Schulfrühstück. Kochkurse für Mütter. Anti-Stress-Fortbildungen und Kommunikationstraining für Lehrer. Ernährungswochen. Informationsveranstaltungen zur Suchtprävention. Schulinterne Wettbewerbe wie „Die fitteste Klasse“. Oder die sogenannte Schülerfirma: Dabei gründen Schüler ihr eigenes schulinternes „Unternehmen“ und nehmen zum Beispiel die Pausenverpflegung selbst in die Hand – vom Einkauf der Nahrungsmittel über die Zubereitung von belegten Broten bis hin zur Bedienung und zur Abrechnung der Gewinne.

Den Testlauf in drei Modellregionen Deutschlands (Berlin, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern) hat Anschub längst bestanden. Seitdem wächst das Projekt. In Berlin wurde 2006 das Landesprogramm „Gute gesunde Schule“ aus der Taufe gehoben. Über 90 Berliner Schulen aus Mitte, Neukölln, Lichtenberg, Pankow, Reinickendorf und Marzahn-Hellersdorf – darunter Grund, Förder-, Ober-, Haupt-, Gesamt- und Berufsschulen – beteiligen sich.

Die Erfolge sprechen für sich. Zum Beispiel in Sachen Ernährung. „An vielen teilnehmenden Berliner Schulen wurde das gemeinsame ‚gesunde Frühstück‘ eingeführt“, freut sich Christel Schminder: Nahrungsmittel wie etwa Vollkornprodukte und Obst bringen die Kinder dafür von zu Hause mit; in der Schule wird ein Obstteller zubereitet. Teilweise werden von externen Sponsoren Nahrungsmittel gespendet.

…am Gesundheitsbewusstsein

Weil Trinken ebenso wichtig ist, platzierten Schulen in Berlin-Mitte einen Wasserautomaten auf dem Schulgelände. Er soll den Kindern eine Alternative zu überzuckerten Getränken bieten. Eine andere Schule organisierte, unterstützt von der AOK, einen Kochkurs für ausländische Mütter: „Migrantenfamilien übernehmen mit den Jahren die hiesigen Ernährungssünden“, erläutert Christel Schminder die Idee. „In der ersten Generation wird noch traditionell gekocht. In der dritten isst man häufig Fast Food oder Convenience-Produkte. Informationen über gesundes Kochen sind hier sehr sinnvoll.“

Dass Anschub eine gute Zukunft hat, steht für Rüdiger Bockhorst von der Bertelsmann Stiftung fest: „Bildungsqualität und Gesundheitsqualität hängen frappierend eng zusammen. Je höher das Bildungsniveau ist, desto höher ist auch das Gesundheitsniveau.“ Das soll bald auch in Brandenburg unter Beweis gestellt werden.

Infos unter: Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.anschub.de, Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.gutegesundeschule-berlin.de

WIE MAN EINE KUH MELKT

Domäne Dahlem: wegweisend in der ökologischen Landwirtschaft

Das Melken können Kinder auf der Domäne Dahlem lernen und an einem Wasser spritzenden Gummi-Euter selbst ausprobieren. Hier, inmitten der Großstadt Berlin, steht ein altes Gutshaus mit seinen Scheunen, breiten sich Felder und Wiesen aus, weiden Kühe, suhlen Säue, blöken Schafe und gackern Hühner. Anschaulich können Eltern und Kinder lernen, wie auf einem Bauernhof gearbeitet wird, und so ein Bewusstsein für natürliche Lebensmittel entwickeln. Die Domäne Dahlem ist Deutschlands einziges Freilichtmuseum mit einer anerkannt ökologischen Landwirtschaft. Auf dem Gelände gibt es auch ein Museum, das anhand von Dokumenten wie Lebensmittel karten die 700-jährige Ernährungs- und Landwirtschaftsgeschichte von Berlin und Brandenburg zeigt. Zum Freilichtmuseum gehören auch verschiedene Handwerksbetriebe wie Schmiede, Töpferei, Stellmacherei, Blaudruckerei und Weberei. Das ganze Jahr über ist die Domäne Dahlem mit ihren zahlreichen Veranstaltungen ein attraktives Ausflugsziel, darunter für Erwachsene Konzerte und Lesungen im Herrenhaus oder große Marktfeste wie ein historischer Jahrmarkt, ein Töpfermarkt und ein Weihnachtsmarkt für die ganze Familie. Auch für Kinder gibt es spezielle Programme, bei denen sie Töpfe bemalen oder Traktor fahren können.

Infos unter: Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.domaene-dahlem.de

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