
Obst aus dem Hochhaus
Die Weltbevölkerung wächst, doch die Anbauflächen schrumpfen. Ackerbauexperten und Umweltforscher suchen neue Möglichkeiten für die Nahrungsgewinnung – und gehen dazu in die Höhe

- Entwürfe für Farmen, die in den Himmel wachsen: ganz links die „Pyramid Farm“ von Eric Ellingsen und Dickson Despommier, links „The Living Skyscraper: Farming the Urban Skyline“ von Blake Kurasek,
Vor 200 Jahren vertrat der britische Nationalökonom Thomas Robert Malthus (1766–1834) eine für seine Zeit äußerst gewagte These. Die Bevölkerung tendiere dazu, schneller zu wachsen als das Nahrungsangebot, meinte Malthus. Das Anwachsen der Menschheit eile der landwirtschaftlichen Erzeugung davon.
So falsch lag er damit nicht. Derzeit leben 6,7 Milliarden Menschen auf dem Globus, etwa die Hälfte davon in Städten. Und die Tendenz ist steigend: Bis zum Jahr 2030 werden bereits 4,8 Milliarden in urbanen Regionen leben. Ein Alptraum, in zweifacher Hinsicht: Denn wo mehr Menschen sind, da steigt der Bedarf an Lebensmitteln. Und wo Städte wachsen, da verdrängen sie wertvolles Ackerland in der Umgebung. Schätzungen zufolge werden bis zum Jahr 2050 über eine Milliarde Hektar zusätzliches Ackerland gebraucht. Eine Fläche, größer als die USA!
Auf der Suche nach Auswegen kommen Architekten, Umweltschützer und Ingenieure auf ambitionierte Ideen. Zum Beispiel Dickson Despommier. Der Umweltforscher – Professor für öffentliches Gesundheitswesen an der Columbia-Universität in New York – will Hochhäuser zu riesigen Gewächshäusern umfunktionieren. In den „vertical farms“ sollen das ganze Jahr über Obst und Gemüse angebaut werden.
Despommier schwebt ein geschlossener Kreislauf vor. In den obersten Stockwerken wird das Sonnenlicht zur Produktion von Früchten und Gemüse genutzt, in den untersten mästet man Hühner und Schweine mit dem pflanzlichen Abfall. Mit dem Mist der Tiere werden wiederum die Pflanzen gedüngt. Der Umweltforscher ist überzeugt, dass sein Konzept sich rechnet. Ein 30-stöckiges Hochhaus könne 50.000 Menschen mit Obst, Gemüse, Fisch und Hühnerfleisch versorgen.
Doch bis dahin ist noch ein weiter Weg. Viele technische Voraussetzungen für die futuristischen Gewächshäuser seien noch gar nicht geschaffen, so die Kritiker. Despommier selbst ist derweil in China aktiv. Dort arbeitet er mit Forschern der chinesischen Akademie für Agrarwissenschaften an einem Demonstrationsobjekt vor den Stadtgrenzen Pekings. Geplant: ein fünfgeschossiger Bauernhof mit Restaurants, in denen hauseigene Produkte auf der Speisekarte stehen.
Despommiers Pläne kommen nicht aus dem Nichts. Es gibt noch mehr Architekten, die Bauernhöfe planen, die in den Himmel wachsen. 2001 sollte im Hafen von Rotterdam auf sechs Stockwerken die weltweit erste urbane Farm entstehen – mit Gemüse-Gewächshäusern in den obersten Etagen, einer Fischzucht im Untergeschoss und Windturbinen zur Strom-Erzeugung auf dem Dach. Das Projekt wurde nach Kritik in den Medien schließlich aufgegeben, wird aber derzeit unter Einbezug chinesischer Experten in der Nähe von Schanghai fortgesetzt.
Auch das New Yorker Ingenieurbüro Sun Works plant in Despommiers Richtung. Sein Chef Theodore Caplow will flache Hausdächer moderner Großstädte mit Treibhäusern versehen. Auch doppelverglaste Fassaden von Bürogebäuden hat er als Anbauflächen im Blick. Auf einem Lastkran im New Yorker Hudson River realisierte er bereits einen schwimmenden Garten, in dem Gemüse und Obst mit wiederverwertetem Wasser und erneuerbarer Energie erzeugt werden. Äpfel, frisch vom Baum – mitten im Big Apple!
Infos unter:
www.verticalfarm.com



