
DAS KULT-GEMÜSE
Nach der Wiedervereinigung erging es ihr zunächst schlecht. Doch dann erlebte die Spreewaldgurke ein fulminantes Comeback

- Achtung, der Gurkenflieger kommt. Wer hier bäuchlings auf den weit ausladenden Plattformen liegt, hat keine leichte Arbeit. Mit flinken und gleichermaßen behutsamen Griffen gilt es, die Früchte zu pflücken. Zeit zum Ausruhen bleibt wenig, die „Fluggeschwindigkeit“ beträgt einen Meter pro Minute
Sie ist ein bisschen füllig um die Taille, aber sonst lässt sich an ihren Maßen und Qualitäten nicht meckern. Fünf bis neun Zentimeter ist sie lang, dazu knackig und garantiert erfrischend. Es gibt nichts Besseres nach einem Kater. Und es gibt nichts Besseres, wenn man keinen Kater hat – findet Hans-Joachim Kohlase. Beim stellvertretenden Vorsitzenden des Spreewaldvereins kommt die Spreewaldgurke jedenfalls mindestens einmal täglich auf den Tisch. Im Kopf hat Kohlase das saure Grüngemüse ohnehin den ganzen Tag.
Ist ja auch schwer, es da rauszubekommen, wenn man wie er mitten im Spreewald wohnt. In der romantischen, seit 1991 Unesco-geschützten Lagunenlandschaft ist die Gurke allgegenwärtig: im Gurkenmuseum in Lehde, auf dem Gurkenradweg – und auf den Kahnfahrten, bei denen man die Spezialität alle paar Meter auf dem Pappteller zum Kauf angeboten bekommt. „Auf die Gurke, fertig, los!“, heißt es jeden April beim Spreewaldmarathon, an dessen Ende der Gewinner eine schwergewichtige grüne Gurke erhält. Und an jedem zweiten August-Wochenende werden auf dem Spreewälder Gurkentag eine Gurkenkönigin und ein Gurkenkönig gekürt.
Es kann keinen Zweifel geben: Die Gurke boomt zwischen Peitz, Golßen, Alt-Schadow und Altdöbern. Dass es fast an ders gekommen wäre, ist heute schon wieder Geschichte. Allerdings eine, die Kohlase noch immer spürbar aufwühlt.
Nach der Wende schien der Untergang der originalen Spreewälder Gurke nämlich fast schon besiegelt. Das Prestigeprodukt der DDR teilte zwar nicht das Schicksal vieler Ostmarken, die für immer vom Markt verschwanden. Dafür überschwemmten große westdeutsche Firmen den Markt mit eigenen „Spreewälder Gurken“ oder „Gurken nach Spreewälder Art“. Die kamen dann zum Beispiel aus Niedersachsen, Bayern, Hamburg oder Bremen.
Das einstige sozialistische Vorzeigeprodukt geriet ordentlich ins Trudeln – und mit ihm eine Vielzahl Menschen. Laut der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ waren es in der Saison 1993 gerade mal 720 Männer und Frauen, die noch in Anbau und Verarbeitung beschäftigt waren. Die Produktion schrumpfte auf 2000 Tonnen. „Die Mengen konnte man quasi mit der Haushaltswaage bestimmen“, erinnert sich Kohlase an die Zeit der Markenpiraterie.
Dass heute im Spreewald jährlich wieder über 40.000 Tonnen geerntet und verarbeitet werden und insgesamt 5000 Menschen in diesem Bereich beschäftigt sind, ist einem regionalen Kraftakt zu verdanken, der ein bisschen an die Geschichte von David und Goliath erinnert. 1995 stellte der Spreewaldverein bei der Europäischen Union einen Antrag, die Spreewaldgurke unter Schutz zu stellen. Das rief die westdeutschen Gurken-Mächtigen auf den Plan. Es entbrannte ein erbitterter Krieg, der erst nach vielen Gerichtsverhandlungen 1999 ein Ende fand. Seitdem ist der Name „Spreewälder Gurken“ durch die EU geschützt, und Gurken dürfen nur mit diesem Zusatz verkauft werden, wenn 70 Prozent von ihnen im Spreewald wuchsen und dort auch verarbeitet wurden. Ironie der Geschichte: 60 bis 70 Prozent der Anbauflächen und 75 Prozent des Produktionsvolumens gehören heute ehemaligen Westdeutschen, die nach der Wende in die Region kamen. Für Kohlase kein Problem: „Wir freuen uns, wenn Menschen hier investieren. Was unsere Region stärkt, ist willkommen.“
GESUND MIT GURKEN
Für Hademar Bankhofer ist die Sache klar. „Die Gurke“, so der Ernährungsexperte, „hilft uns, unser Körpergewicht positiv zu steuern. Und sie kann mit Ihren Inhaltsstoffen vorbeugend und heilend wirken. Außerdem sie ist ein hervorragendes Kosmetikum.“
In der Tat. Die pure, nicht eingelegte Gurke ist mit ihrem hohen Wasseranteil sowohl kalorienarm (14 Kilokalorien je 100 Gramm) als auch ein exzellenter Wasserlieferant für den Körper. Sie wirkt aber auch entwässernd: Bei Nieren- und Blasenbeschwerden kann sie dabei helfen, dass Bakterien durch den verstärkten Harnfluss schneller abtransportiert werden.
Auch sonst enthält das Gemüse jede Menge gesunder Substanzen. Zum Beispiel das Enzym Erepsin. Es spaltet Eiweiß und verbessert die Verdauung von Fleisch. Oder Kupfer, das unterstützend bei Gelenkentzündungen wirken kann. Die Bitterstoffe in der Gurke aktivieren Leber und Galle. Und eine Übersäuerung des Körpers gleicht sie mit ihrem Basenüberschuss ideal aus. Außerdem bekämpft sie Verstopfung, stärkt die Darmschleimhaut und ganz allgemein das Bindegewebe. Als Saft zum Einreiben oder in Scheiben aufgelegt hilft sie bei Hautproblemen. In der Naturheilmedizin wird ihr sogar blutzucker-senkende Wirkung nachgesagt. Und auch bei Wechseljahresbeschwerden soll sie helfen.
Um die vielen positiven Effekte der Gurke wusste man offenbar schon in der Antike. Angeblich ließ der römische Kaiser Tiberius (42 v. Chr.–37 n. Chr.) fahrbare Gurken-Treibhäuser für seine Feldzüge bauen, um seine Soldaten immer mit Gurken versorgen zu können.
Dass das Spreewälder Original mit Plagiaten von anderswo nicht zu vergleichen ist, steht nicht nur für die EU außer Frage. Es beginnt mit den Anbaubedingungen. Spreewälder Gurken wachsen auf dem feuchten, besonders humusreichen Boden der Lagunenlandschaft. Und die relativ hohe und gleichbleibende Feuchte bietet dem Grüngewächs einzigartige klimatische Bedingungen.
Eigentliches Alleinstellungsmerkmal aber ist der Geschmack, den die Gurke durch das Einlegen erhält. Absolut unverzichtbar für die klassische Spreewaldgurke sind frische Zwiebeln, frischer Dill, Meerrettich und Kräuter wie Zitronenmelisse, Liebstöckel, Basilikum, Estragon oder Thymian. Hinzu kommen Wein-, Kirsch- oder Nussblätter. Die Rezepte der Einlegereien variieren und werden noch heute als Familiengeheimnisse weitergegeben. Zum Beispiel bei Ernst Krügermann und seinem Sohn Matthias in Lübbenau. Wie schon zu Urgroßvaters Zeiten kommen hier Zwiebeln, Dill, Thymian, Pimpernelle und Zitronenmelisse in die Lake, teilweise sogar aus dem eigenen Garten.

- Saure-Gurken-Zeit heißt für die Spreewälder, dass sie gut zu tun haben. Mehr als 40.000 Tonnen Gurken verarbeiten sie im Jahr
Nur in der DDR gab es Abweichungen von der Tradition. 1972 wurden die Gurkeneinlegereien verstaatlicht und fertige Gewürzmischungen aus Dresden als Grundlage vorgeschrieben, sogenanntes Gurkoma (Gurkenkombinationsaroma). Eine Geschmacksverirrung, von der die breite Bevölkerung jedoch nicht viel mitbekam: Im Arbeiter- und Bauernstaat war die Spezialität Mangelware und somit schwer erhältlich. Die Spreewälder selbst bekamen ihre eigenen Gurken nach Ernte und Verarbeitung kaum mehr zu Gesicht. Der Großteil der Produktion ging ohnehin für Devisen ins Ausland.
Den einstigen Geschmackssünden ist man heute fern. 1996 haben sich alle Gurkenanbau- und -verarbeitungsbetriebe der Spreewaldregion auf Richtlinien geeinigt, um die Qualität des Imageprodukts zu sichern. Nur wer sich daran hält, darf seine Gurken-Spezialitäten mit der regionalen Dachmarke „Spreewald“ versehen. Die Gurken müssen zum Beispiel kontrolliert und integriert erzeugt werden. Gesüßt werden darf ausschließlich mit Saccharose, also nicht mit Süßstoffen. Und die Verarbeitung muss in Betrieben erfolgen, die im Wirtschaftsraum Spreewald ansässig sind und die mehrheitlich regionale Rohstoffe verwenden. Rund 15 Anbaubetriebe und um die zehn Einlegereien gibt es heute im Spreewald. Von Kleinbauern, die noch per Hand anbauen, bis zu Großbetrieben reicht das Spektrum. Letztere schicken zur Ernte die sogenannten Gurkenflieger übers Feld: Die Erntehelfer liegen dabei bäuchlings auf tragflächenartigen Plattformen, die zu beiden Seiten des Traktors angebracht sind und über dem Boden schweben. Der Traktor bewegt sich etwa einen Meter pro Minute vorwärts, so dass genügend Zeit für das Pflücken der Gurken bleibt. So zumindest die Theorie.
Inzwischen hat die Kult-Gurke sogar Geschwisterprodukte bekommen. Unter der geschützten Marke Spreewald werden auch regionale Fleisch- und Wurstspezialitäten sowie Honig vertrieben – unter ähnlich strengen Auflagen. Auch die Gurke selbst bringt neuen Schwung in den Markt. Das Unternehmen Spreewaldhof bietet sie zum Beispiel unter dem Namen „Get One!“ auch als handverlesenes Einzelstück in der Dose an. Verkauft wird der saure Snack an Tankstellen, in Supermärkten, Sportstudios und – in Discos. Ein cooles Gemüse eben.
AUS LÜBBENAU IN DIE WELT
Der Gurkenanbau im Spreewald geht auf slawische Stämme zurück, die sich am Ende der Völkerwanderung in der Region ansiedelten und dabei vermutlich auch gleich die Technik des Einsäuerns miteinführten. Die Anbaumethoden jener Zeit sind allerdings unbekannt. Ihren Siegeszug trat die Gurke erst an, als Graf Joachim von der Schulenburg im 17. Jahrhundert flämische Handwerker in die Gegend holte. Sie brachten Gurkensamen mit – und begründeten eine einzigartige Erfolgsgeschichte: Nachdem ein Kaufmann aus Lübeck die Gurken mit dem Mes--ser angeschnitten hatte und so erreichte, dass sie sich länger lagern ließen, entwickelte sich das neuartige Gemüse rasch zum Verkaufsschlager. Theodor Fontane beschrieb die Gurke neben anderen Spreewald-Erzeugnissen im Jahr 1870 als landwirtschaftliches Top-Produkt seiner Zeit, das aus Lübbenau, der Hochburg des Spreewälder Gurkenanbaus, in die ganze Welt exportiert wurde. Im Jahr 1901 wurden mit der Eisenbahn bereits 133.060 Zentner versandt. Sieben Jahre darauf waren es 400.720. Selbst in Paris und New York, so ein Schulbuch von 1910, waren Gurken aus Lübbenau schon damals ein Begriff.



