
Die Nase rinnt, der Deutsche rennt – zum Arzt. Falsch. Als ehemaliger Arzt darf ich Ihnen verraten, dass es keine unbeliebteren Patienten gibt als die Erkälteten. Sie erinnern den Arzt an eine seiner größten Blamagen.
Wir können Herz und Lungen transplantieren, Radfahrer den Urin von einem anderen pinkeln lassen – aber gegen Schnupfenviren können wir nichts ausrichten.
Nicht nur, dass du dem Patienten erstens nicht helfen kannst. Zweitens kannst du auch nichts wirklich dafür abrechnen. Und drittens steckt er alle anderen im Wartezimmer an, die wirklich eine lukrative Krankheit gehabt hätten! Die Leute sollten also am besten direkt zum Apotheker gehen. Der kann immer etwas abrechnen. Und hat auch kein schlechtes Gewissen, Zeug zu verkaufen, das auf den Krankheitsverlauf nicht besser wirkt als Placebos.

- Dr. med. Eckart von Hirschhausen (42) ist seit über zehn Jahren als Kabarettist, Humortrainer und Autor aktiv. Der nebenstehende Text stammt aus seinem Buch „Die Leber wächst mit ihren Aufgaben“, dem inzwischen „Glück kommt selten allein…“ folgte.
Ein Riesenmarkt: Die Deutschen geben jedes Jahr 1,5 Milliarden Euro für Erkältungsmittel aus. Es gibt ja auch so viele davon! Und wenn es viele Mittel für eine Krankheit gibt, ist das ein sicheres Zeichen, dass keins davon wirklich funktioniert. Es hätte sich sonst irgendwann rumgesprochen.
Der letzte Schrei: eine undefinierte Pflanzensoße namens „Erste Abwehr“. Wenn dich einer anniest, ganz schnell in die Apotheke rennen, Rachenspray kaufen, hinterhersprühen, und dann soll dir nichts passieren. Das ist medizinisch so plausibel, wie eine Schwangerschaft zu verhüten, indem man nach ungeschütztem Sex eine halbe Stunde lang auf einer Packung Kondome herumkaut. Egal, es wird gekauft und geschluckt, was das Zeug hält. Wobei das Zeug meist mehr verspricht, als es hält. Echinacea zum Beispiel „stimuliert das Immunsystem“. Aha. Ganz sicher tut es das. Sie könnten ebenso gut Dreck fressen, das würde Ihr Immunsystem auch stimulieren. Es ist nämlich die Aufgabe des Immunsystems zu reagieren, wenn da seltsame Substanzen angeschwommen kommen. Ob Ihnen das gegen Schnupfen hilft oder nicht, ist völlig unbewiesen. Dabei ist Echinacea noch nicht einmal unschädlich!
Es gibt bis heute nichts Besseres, als abzuwartenund Hühnersuppe zu schlürfen. Was mich wirklich überrascht, dass es bis heute Hühnersuppe nicht als Zäpfchen gibt! War um schwört eigentlich jeder auf SEIN Erkältungsmittel? Weil keiner vorhersagen kann, wie lange eine Erkältungsepisode dauert. Mal leiden Sie einen Tag, mal fünf Tage, mal zehn Tage. Kein Arzt der Welt weiß das vorher. Sie auch nicht.
Neulich haben Sie zehn Tage gelitten und schwören sich, nächstes Mal etwas Homöopathisches zu probieren. Dann kriegen Sie eine Erkältung, die nach drei Tagen von allein zu Ende ist. Weil Sie aber an Tag eins homöopathische Mittelchen genommen haben, sind Sie an Tag vier davon überzeugt, dass es diesmal nur so kurz gedauert hat, WEIL Sie dieses bestimmte Mittel geschluckt haben.
Erkältung überträgt sich leichter als Bildung. So denken viele, ein schlechtes Immunsystem zu haben, weil sie oft erkältet sind. Wenn man jedoch tatsächlich ein schlechtes Immunsystem hat,ist man schwer krank, aber ohne die klassischen Symptome. Denn das Niesen ist gerade eine Reaktion eines aktiven Immunsystems, das versucht, die Viren aus dem Körper rauszupusten. Weil die aber in den Zellen sitzen, ist das ein vergebliches Unterfangen. Die Viren husten uns etwas!
Was tatsächlich seit hundert Jahren hilft, ist Aspirin. Natürlich nicht gegen die Ursache der Erkältung, aber dankenswerterweise gegen die unangenehmen Symptome. Dafür dauert die Krankheit dann auch ein oder zwei Tage länger, als wenn man sie mit Fieber auf natürliche Art bekämpft hätte. Also: Aspirin oder Askese?
O Gott, doch bitte keine Chemie! Nur was Pflanzliches! Aspirin ist pflanzlich, der Wirkstoff kommt aus der Weidenrinde. Die Natur hat Humor. Ich muss immer lachen, wenn ich mir vorstelle, wie so ein Urmensch gegen eine Weide läuft, tierische Kopfschmerzen hat, und das Mittel dagegen wächst direkt vor seiner Nase, ohne dass er es weiß!
Da sind wir heute wirklich weiter. Allein, wie viele verschiedene Darreichungsformen es inzwischen von „Aspirin“ gibt! Keiner muss mehr die Weidenrinde selbst auskochen und sich den Magen verderben. ASS von anderen Herstellern wirkt natürlich genauso gut, aber manchmal muss es halt etwas Besonderes sein.
Statt einer schnöden Tablette gönn ich mir manchmal diese teuren Tütchen mit der innovativen Pulverform. Diese weiße Brause nennt man auch „Kokain des kleinen Mannes“.
Noch beliebter ist Vitamin C, die Ascorbinsäure. Sie ist extrem billig herzustellen und deshalb bei den Herstellern extrem beliebt. Alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, bekommt C dazu: Bonbons, Säfte, sogar Parteien brüsten sich mit dem „plus C“.
Kurzer Test: Leiden Sie unter akutem Vitamin- C-Mangel? Sie essen nie frisches Obst und Gemüse, weil Sie seit Jahren in einem Heim nur mit Kartoffelbrei zwangsernährt werden. Sie sind seit sechs Monaten auf den Weltmeeren unterwegs. Sie leben im 18. Jahrhundert. Wenn eins davon auf Sie zutrifft – wie sind Sie an dieses Buch gekommen?
So segensreich das Vitamin für Seefahrer einst war, so hartnäckig hält sich sein Mythos in Zeiten der täglich frischgepressten Südfruchtsäfte. Vitamin C ist wasserlöslich und wird nicht im Körper gespeichert. Es verlässt den Körper folglich so gelöst, wie es gekommen ist. Wer ständig diese Zusätze futtert, erreicht damit vor allem eins: Sein Urin kann als Multivitamin-Drink gelten! Zum Runterspülen eigentlich viel zu schade!
Erkältungen bieten doch auch Grund zur Freude. Mal ehrlich: Gibt es Schöneres im Leben als diesen Moment, in dem sich nach allem Triefen und Dröppeln die Konsistenz verändert? Wenn als Vorbote der Heilung die ersten stabileren Fäden wie Lichtstreifen am Horizont den staunenden Betrachter aus dem Taschentuch anlachen? Das Sekret vom Klaren ins Trübe umschlägt und die Stimmung von trüb nach klar? Dann ist uns, als könnten wir die Welt umarmen, die Viren kapitulieren und hissen ein letztes Mal die weiße Tempo-Fahne.
Wir wissen wieder zu schätzen, was wir dem Niesenden zurufen: Gesundheit!
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