
Der vergessene Ärztemangel
Es war mal ein Traumberuf. Doch was Absolventen eines Medizinstudiums heute erwartet, schreckt oft ab. Schon droht Ärztemangel. Für Professor Dr. Günter Stock von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften eine gefährliche Entwicklung

- Plädiert für eine höhere Wertschätzung der Ärzte und ihrer Arbeit: Professor Dr. Günter Stock, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.
Kann sich ein Krankenhaus- Patient in Berlin eigentlich besser versorgt fühlen als in Brandenburg?
Stock: Das hängt vom Einzelfall ab. Bei normalen Krankheiten spielt die Dichte der Krankenhäuser und damit die Länge der Anreise nicht die entscheidende Rolle. Aber gleichzeitig wissen wir, dass in einer Stadt wie Berlin nur wenige Minuten verstreichen von den ersten Symptomen eines Herzinfarktes bis zu dessen adäquater Behandlung. Dies kann selbstverständlich in dieser Form in Brandenburg nicht an allen Orten gewährleistet werden.
Da hilft auch kein Hubschrauber?
Stock: Doch schon, aber dessen Anschaffung und Einsatz müssen auch unter Kostengesichtspunkten betrachtet werden. Grundsätzlich gilt: Auf dem Land vergeht immer ein bestimmter Zeitraum bis zur Erstdiagnose. Und die Sache wird dadurch noch ein wenig ernster, dass wir inzwischen wissen, wie entscheidend die schnelle Erstversorgung etwa im Falle eines Hirnschlags ist. Da sind die Möglichkeiten einer Großstadt unter Umständen günstiger. Gilt das auch für die Anzahl der Ärzte? Stock: Wir sind heute mit einer Situation konfrontiert, die vor fünf Jahren nur kühnste Denker fürmöglich hielten: Wir haben einen veritablen Ärztemangel. Selbst so große Krankenhäuser wie die Charité finden nicht immer die Ärzte, die im Moment gebraucht werden. In einem Flächenstaat wie Brandenburg stehen die Krankenhäuser vor demselben Problem – und zwar in noch größerem Umfang. Die Attraktivität, auf dem Land zu arbeiten, ist nun mal geringer vor dem Hintergrund dieses wunderbaren Angebots, das eine so urbane Stadt wie Berlin bietet.
Das Thema Ärztemangel ist ja bei der lang und intensiv geführten Kostendebatte völlig in den Hintergrund geraten. Haben wir denn überhaupt genügend Geld für eine bessere medizinische Versorgung?
Stock: Das Problem ist doch, dass so wichtige Themen wie Lebensqualität und Menschenwürde völlig an Bedeutung verlieren. Heute schauen wir in erster Linie auf die Kosten …
… die aber in der Tat eine wichtige Rolle spielen.
Stock: Da muss man schon genauer hinschauen: Die echte Dramatik besteht doch darin, dass sich der Anteil der Ausgaben für das Gesundheitswesen bei ungefähr 11 bis 11,4 Prozent vom Bruttosozialprodukt eingependelt hat. In den vergangenen 15 Jahren hat sich daran kaum etwas verändert. Gleichwohl ist das Geschrei um die erhöhten Kosten laut. Demmuss man aber entgegenstellen, dass wir alle heute im Schnitt mindestens zehn Jahre älter werden. Und dass wir dies als Individuum außerordentlich tröstlich empfinden und dass wir nach einem erfüllten Arbeitsleben auch die Hoffnung haben, gesund weiterleben zu können – das darf man nicht aus den Augen verlieren.
Heißt das, Sie vermissen Dankbarkeit?
Stock: Tatsächlich ist die nur in Einzelfällen spürbar. Wir hauen auf die Kosten ein, ohne den enormen Fortschritt zu würdigen. Nehmen Sie zum Beispiel die Aufenthaltsdauer der Patienten in den Kliniken; sie hat deutlich abgenommen. Was früher in zwei Wochen gemacht wurde, geschieht heute in sechs Tagen. Es hat auch etwas mit Würde zu tun, dass Sie heute früher wieder nach Hause, und damit in die Selbstständigkeit, entlassen werden. All das sind Faktoren, die in der öffentlichen Debatte viel zu wenig Berücksichtigung finden.
Aber auch wenn der Anteil am Bruttosozialprodukt konstant geblieben ist, ist doch ein absoluter Anstieg der Kosten für das Gesundheitswesen zu verzeichnen, der zu Besorgnis Anlass geben kann.
Stock: Aber schauen Sie sich doch bitte einmal an, wer am meisten davon profitiert hat. Wenn sie den Anteil an der Steigerung betrachten,betrachten, stellen Sie fest, dass die Ärzte im geringsten Maße Nutznießer waren. Die Pharma-Industrie hat im mittleren Bereich profitiert. Was am meisten gestiegen ist, sind die Verwaltungskosten. Nicht vergessen darf man auch den Aufwand, der heutzutage in Krankenhäusern getrieben werden muss – zum Teil auch wegen der entsprechenden gesetzlichen Vorschriften. Und schließlich kommt noch hinzu, dass sich das deutsche Arbeitsrecht im öffentlichen Dienst nicht unbedingt kostenfreundlich auswirkt.
Ist die seelenlose Gerätemedizin eine zwangsläufige Folge?
Stock: Die Seelenlosigkeit kommt ja nicht durch die Maschinen zustande, sondern durch die Tatsache, dass die Ärzte wegen des Finanzdrucks immer weniger Zeit haben, mit ihren Patienten zu sprechen. Wenn Sie heute einen Klinikarzt fragen, wie viel Zeit er für Patienten und Bürokratie benötigt, so wird er vermutlich von jeweils 50 Prozent sprechen – wenn es sich um einen optimistischen Klinikarzt handelt. Andere sprechen von 60 bis 70 Prozent für die Bürokratie.
Arbeiten deshalb auch immer mehr deutsche Ärzte im Ausland?
Stock: Dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Gerade die jungen Ärzte sind überlastet und schätzen ihre Karrierechancen heute deutlich schlechter ein als früher, insbesondere wenn sie noch in die Forschung gehen wollen. Dies hat dazu geführt, dass ich, wenn ich es drastisch formuliere, sagen muss: Die jungen Ärzte in Deutschland sind die modernen Sklaven …
… die aber weitaus mehr als ein Sklave verdienen.
Stock: Die Gehälter sind nicht besonders interessant. Wenn Sie zu Hause die Waschmaschine repariert haben wollen, ist der Anfahrtsweg um ein Vielfaches teurer als das, was der Arzt für einen ganzen Nachtdienst zusätzlich bekommt. Rufen Sie mal einen Klempner abends um 20 Uhr an, das ist deutlich komplizierter, als um 24 Uhr einen Arzt zu finden. Also mit einem Wort: Wir haben es den jungen Ärzten deutlich schwerer gemacht. Und so ist es kein Wunder, dass Länder mit Ärztemangel, wie Skandinavien oder England, froh sind, wenn sie unsere immer noch gut ausgebildeten Ärzte bekommen.Viele Ärzte fahren für einen Wochenenddienst nach England und verdienen dort an drei Wochenenden so viel wie hier im ganzen Monat.
Was sollte sich Ihrer Meinung nach ändern?
Stock: Ich weiß nicht, ob der Vergleich gut genug ist: Aber als wir angefangen haben, die Lehrer nicht mehr gesellschaftlich hoch zu achten, hat der Niedergang der Schulen begonnen, den wir heute alle beklagen. Das sind Prozesse, die laufen 20, 30 Jahre. Und meine Sorge ist schon, dass wir anfangen müssen, die Ärzte ein bisschen zu schützen. Sonst könnte es sein, dass wir in 20 Jahren zurückschauen und sagen müssen: Wir haben einen Fehler gemacht.


