
Blindes Begreifen
Blinde Menschen können oft überdurchschnitllich gut tasten. Ein neues
Tätigkeitsfeld nutzt diese Fähigkeit für die Vorsorge: Medizinische Tastuntersucherinnen
(MTU) spüren Veränderungen in der weiblichen Brust auf.
Discovering Hands
Hinter der Ausbildung zur Medizinischen Tastuntersucherin (MTU) steht das Forschungsprojekt „discovering hands®, dessen Ideengeber und ärztlicher Leiter der Duisburger Gynäkologe Dr. Frank Hoffmann ist. Blinde Frauen mit einer besonderen taktilen Sensibilität werden im Rahmen einer neunmonatigen Ausbildung darin geschult, Unregelmäßigkeiten in der weiblichen Brust zu ertasten. Die Ausbildung besteht aus einem theoretischen sowie einem praktischen Teil, der in Fachpraxen und Kliniken absolviert wird. Die Abschlussprüfung findet vor der Ärztekammer statt. Zertifizierte MTU werden anschließend in gynäkologischen Praxen im Verantwortungsbereich eines Arztes eingesetzt. Die Tastuntersuchungen selber werden bislang nur vereinzelt von den Krankenkassen übernommen. Die Kosten liegen je nach Praxis zwischen 25 und 40 Euro.
Um zu wissen, wie es einer Patientin geht, muss Melanie Bartos ihr nicht ins Gesicht schauen. Sie spürt es schon bei der Begrüßung. „Aus der Art und Weise, wie jemand einem die Hand gibt, ist ganz viel abzulesen“, so die 24-jährige Berlinerin: „Mal ist der Händedruck weich, mal übertrieben forsch. Oder die Hand schwitzt leicht oder wird rasch zurückgezogen.“
Für Melanie Bartos, die seit früher Kindheit aufgrund einer ererbten Netzhauterkrankung fast blind ist, sind solche Eindrücke einen erster Anhaltspunkt, wie sie mit einer Patientin umgehen muss, damit diese sich bei der anschließenden Untersuchung wohlfühlt.
Die junge Frau ist spezialisiert darauf, die weibliche Brust auf Gewebeauffälligkeiten abzutasten. Medizinische Tastuntersucherin (MTU), so nennt sich das neue medizinische Tätigkeitsfeld, hinter dem das Projekt „Discovering Hands“ steht (siehe Kasten). Dessen Grundidee: Blinde Menschen verfügen aufgrund des fehlenden Sehvermögens oft über eine außergewöhnlich stark ausgeprägte Tastfähigkeit. Das versetzt sie in besonderer Weise in die Lage, selbst kleinste Veränderungen im weiblichen Brustdrüsengewebe auszumachen. In Deutschland gibt es derzeit zehn MTU – Melanie Bartos ist eine davon. Erst diesen Sommer hat sie ihre Ausbildung vor der Ärztekammer abgeschlossen. Jetzt hofft sie auf eine Anstellung in einer Praxis. Während der Ausbildung am Berufsförderungswerk in Düren wurde Melanie Bartos unter anderem in Anatomie, Physiologie, medizinischer Terminologie und in Patienten-Kommunikation geschult.
Und natürlich im Tasten: Dazu arbeitet sich die MTU langsam Zentimeter für Zentimeter bis in die Tiefe durch das Brustdrüsengewebe. Eine zeitintensive Angelegenheit: Je nach Größe der Brust dauert eine Untersuchung zwischen 30 und 50 Minuten. Doch die Ergebnisse sind erstaunlich: Melanie Bartos war bereits in der Lage, eine nur drei Millimeter große Gewebeveränderung aufzuspüren. Auffällige Befunde teilt sie dem behandelnden Gynäkologen mit, der für die endgültige diagnostische Abklärung sorgt. Freilich, mit ernsten Ergebnissen muss dabei grundsätzlich immer gerechnet werden. Auch Melanie Bartos hat bereits mehrere Knoten entdeckt, die sich später als bösartig erwiesen. Eine Belastung für die 24-Jährige? „Nein, keinesfalls. Ich kann damit umgehen, weil ich es positiv sehe. Ich bin einfach froh, dass ich den Knoten gefunden habe – denn nur dann kann etwas dagegen unternommen werden. Diese positive Sicht versuche ich auch der Patientin zu vermitteln!“
Mehr Informationen auf:
www.discovering-hands.de
Der Bedarf ist gross

- Ralf Esser, Projektleiter von „Discovering Hands“
Herr Esser, wo stehen Sie mit „Discovering Hands“?
Das Projekt hat deutlich gezeigt, dass die Tastuntersuchung durch blinde Frauen hervorragende Ergebnisse vorweisen kann. Doch bisher verfügen wir lediglich über zehn zertifizierte Medizinische Tastuntersucherinnen. Der Bedarf ist viel größer. Deshalb werden momentan in einem vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales unterstützten Projekt die Voraussetzungen zur „Ausbildung der Ausbilder“ entwickelt. Die erste „Ausbildung der Ausbilder“ wird 2010 abgeschlossen sein. Danach können jährlich etwa 20 MTU ausgebildet werden.
Wie ist die Nachfrage bei den sehbehinderten Frauen?
Sehr groß. Besonders lang sind die Wartelisten in Berlin.
Und die Resonanz bei den Ärzten?
Wenn sie verstanden haben, dass hier ihre eigene Aufgabe unterstützt und verbessert wird, sind sie in den meisten Fällen angetan, ja begeistert.
Was sagen die Patientinnen?
Jede Patientin, die bisher diese Untersuchung hat machen lassen, ist wirklich überzeugt. Hoch gelobt werden immer wieder die vertrauensvolle Atmosphäre und die soziale Kompetenz der MTU. Die wird ja auch intensiv mitgeschult.
Wo ist noch Überzeugungsarbeit zu leisten?
Manchen Ärzten muss noch erläutert werden, dass diese Untersuchung kein Ersatz für die Sonografie oder gar Mammografie ist, sondern eine hervorragende Vorarbeit. Die Verantwortung des Arztes bleibt vollkommen unberührt. Sie wird nur im Sinne des Patienten nochmal gestärkt. Außerdem gibt es noch Aufklärungsarbeit bei den Reha-Trägern zu leisten. Als MTU wird die Behinderung zur Begabung. Damit wird die Möglichkeit zur Integration und Vermittlung in einen Arbeitsplatz deutlich verbessert.
Gibt es Resonanz aus anderen Ländern?
Sehr starke sogar! Europäische Partner stehen in den Startlöchern, um das System zu übernehmen. Dazu werden derzeit die rechtlichen Grundlagen und nationalen Besonderheiten in den Gesundheitssystemen geklärt.
Was sind Ihre Pläne und Ziele?
Ein Ziel ist es, dass die Krankenkassen die Leistung übernehmen. Die BKK MobilOil hat das bereits für ihre Patientinnen getan. Mit einer weiteren Kasse wird derzeit verhandelt.



