Spezial 5: Akademie der Gesundheit
Fachkraft gesucht

Wo sind gute Leute

Unternehmen in der Gesundheitsbranche sind häufig hochspezialisiert. Was bedeutet dasfür die Suche nach neuen Mitarbeitern? Zwei Beispiele aus Berlin und Teltow.

Das ist schon paradox. Da sind Millionen Menschen als arbeitssuchend gemeldet, und auf der anderen Seite haben manche Unternehmen Schwierigkeiten, ihre offenen Stellen kurzfristig passend zu besetzen. So gaben in einer Umfrage unter Unternehmen in der Berlin- Brandenburger Gesundheitsbranche 57 Prozent der Befragten an, Schwierigkeiten bei der Stellenbesetzung zu kennen; 44 Prozent hatten sogar aktuell offene Stellen.

Natürlich sind die Anforderungen in der Branche hoch. Die Aufgaben sind zum Teil sehr speziell, und längst nicht jedes Unternehmen verfügt über die Kapazitäten, seinen Bedarf an Fachkräften über das eigene Ausbildungsangebot zu decken. Wie aber findet man auf dem Arbeitsmarkt genau die Kandidaten, die woanders ausgebildet wurden und dabei genau die Fähigkeiten entwickelt haben, die man bei der Stellenbesetzung sucht?

„Das ist in der Tat gar nicht so einfach“, räumt auch Dr. Herwig Freiherr von Nettelhorst ein. Als Vorstandsvorsitzender der GETEMED Medizin- und Informationstechnik AG in Teltow leitet er ein Unternehmen, das Mitarbeiter mit ganz besonderen Fertigkeiten benötigt. GETEMED ist ein europaweit führendes Medizintechnikunternehmen im Bereich der Überwachung von Herzfunktion und anderer Vitalparameter. Von den 60 Mitarbeitern des Unternehmens sind 22 Ingenieure, fünf da- Den Bewerber nach Maß gibt es selten. Neben einer guten Ausbildung schätzen Unternehmen vor allem Flexibilität und Offenheit für Neues von promoviert. Erst vor zwei Jahren lief bei GETEMED die vorerst letzte Einstellungswelle. Drei Ingenieure hatte man seinerzeit gesucht – einen für Hardwaretechnik, einen für Softwaretechnik und einen für Analogtechnik. Vor allem Expertise für Analogtechnik sei im digitalen Zeitalter rar gesät, so von Nettelhorst.

Früher sei es ein langwieriger Prozess gewesen, derartige Stellen zu besetzen, erinnert sich der GETEMED-Chef. Aber nicht etwa, weil es an geeingeten Kandidaten gefehlt habe, sondern vor allem, weil sich die Suche so schwer eingrenzen ließ. „Früher haben wir einfach Anzeigen geschaltet und dann über hundert Bewerbungen bekommen“, so von Nettelhorst. Aus dieser Menge die am Ende wirklich passenden Kandidaten zu ermitteln, habe oft mehrere Runden und viel Zeit benötigt.

Viele Medizintechnik-Betriebe bilden selbst aus. Bei Karl Storz etwa lernen Berufsanfänger Zerspanungstechniken (l.) oder den Umgang mit einem Fiberskop (M.), B. Braun Melsungen in Berlin hat einen Schwerpunkt bei Pharmakanten (r.)

Bei der Besetzung der drei Ingenieurstellen vor zwei Jahren habe GETEMED dann erstmals mit einem Personalberatungsunternehmen zusammengearbeitet. „Das war richtig effizient“, so von Nettelhorst. „Die haben direkt eine sehr gute Vorauswahl getroffen und uns schließlich sechs Leute präsentiert, von denen fünf gut zu uns passten.“ Die drei, die GETEMED dann eingestellt hat, sind bis heute im Unternehmen. Auch das wertet von Nettelhorst als Erfolg der Personalauswahl. Über eine Sache macht sich der Vorstandsvorsitzende, selbst promovierter Ingenieur, keine Illusionen: neue Mitarbeiter zu finden, die bereits das Wissen um alle Feinheiten der GETEMED-Geräte mitbringen. „Wir sind ja so speziell, dass wir da kaum Leute mit entsprechender Vorerfahrung erwarten können.“ Von Nettelhorst hält vielmehr vor allem eine solide Ausbildung für wichtig. Und genügend Offenheit und Flexibilität, um schnell dazulernen zu können. Aus letzterem Grund seien ihm Berufsanfänger daher durchaus lieb. Wenn es dabei um Ingenieure geht, sind es oft Diplomarbeiten, die Studenten bei GETEMED erstellen, die ein erstes gegenseitiges Beschnuppern ermöglichen. Um wiederum passende Diplomanden in die Firma zu holen, hält von Nettelhorst inzwischen engen Kontakt zu einschlägigen Lehrstühlen und den dortigen Professoren.

Grundsätzlich ist von Nettelhorst zufrieden mit dem Ausbildungsstand, den Berufseinsteiger mitbringen. Wenn es überhaupt etwas gibt, das er vermisst, dann seien das eher die Zusatzkenntnisse in Begleitfächern. „Ich würde mir zum Beispiel mehr betriebswirtschaftliche Kenntnisse wünschen. Es kommt ja vor, dass Ingenieure den Unterschied zwischen Umsatz und Gewinn nicht kennen.“

Über etwas anderes macht sich die Geschäftsführerin des Tuttlinger Medizingeräteherstellers Karl Storz, Dr. Sybill Storz, Sorgen. „Wir befürchten, dass es zwar ausreichend Ingenieure gibt, aber nicht mehr genügend qualifizierte Handwerker, die die Konzepte der Ingenieure umsetzen.“ Gerade für die Produktion medizinischer Geräte sind diese Handwerker aber unabdingbar. Bei Karl Storz in Tuttlingen bildet man daher auch selbst aus – unter anderem Feinwerkmechaniker, Chirurgiemechaniker und auch Feinoptiker.

Den Bewerber nach Maß gibt es selten. Neben einer guten Ausbildung schätzen Unternehmen vor allem Flexibilität und Offenheit für Neues

Eine nachhaltige eigene Ausbildung – das ist auch das Konzept von B. Braun Melsungen. Der Medizintechnik- und Pharmakonzern aus Nordhessen mit weltweit rund 38.000 Mitarbeitern betreibt im Berliner Stadtteil Rudow eine Produktion für seine Sparte „Hospital Care“. Rund 300 Mitarbeiter stellen dort Ampullen mit Injektionslösungen aller Art her, von physiologischer Kochsalzlösung über Beruhigungs- und Narkosemittel bis hin zu starken Schmerzmitteln reicht die Produktpalette. Pharmakanten, Laboranten und Mechatroniker sind typische Berufe in dem Berliner Werk. Viele kommen aus der eigenen Ausbildung. Im Schnitt träten jedes Jahr sechs junge Leute bei B. Braun Melsungen in Berlin eine Ausbildung an, davon allein vier als Pharmakant, erklärt Werksleiter Wilhelm Schlemermeyer.

Pharmakanten werden vor allem in der pharmazeutischen Produktion benötigt. Im Berliner B.-Braun-Werk sind über zehn Prozent der Produktionsmitarbeiter Pharmakanten. „In diesem Beruf bilden wir sogar für unser hessisches Mutterwerk in Melsungen mit aus“, erklärt Schlemermeyer, da in Nordhessen die begleitenden Spezialschulen fehlten. Die größte Herausforderung bei der Besetzung freier Stellen hat das Berliner B.-Braun-Werk daher weniger im Bereich der handwerklichen Berufe, sondern eher im Akademiker-Segment – und zwar bei den Pharmazeuten. Das läge nicht an einem generellen Bewerbermangel, sondern eher an dem vergleichsweise untypischen Stellenprofil. „Die meisten studieren Pharmazie ja deshalb, um ihren Beruf hinterher in einer Apotheke auszuüben“, so Schlemermeyer. Manche wollen auch in die Forschung. In einer pharmazeutischen Produktion zu arbeiten und dabei vielleicht noch größere Gruppen von Mitarbeitern zu führen, das sei dagegen für viele Pharmazie-Absolventen offenbar nur mäßig attraktiv.

Auf der anderen Seite kann B. Braun auch nicht auf andere Berufsbilder ausweichen, denn als pharmazeutischer Betrieb ist das Unternehmen rechtlich gezwungen, bestimmte Produktionsbereiche von Pharmazeuten leiten zu lassen. Um den beruflichen Nachwuchs künftig besser ans Unternehmen heranzuführen, versucht das Berliner B.-Braun-Werk seit einiger Zeit, junge Pharmazeuten schon während des Studiums als Praktikanten oder nach dem Studium als Trainee zu gewinnen. „Da können die dann schon mal bei uns reinschnuppern, und es ergeben sich Kontakte, aus denen vielleicht mal feste Anstellungen resultieren“, so Schlemermeyer. Unverbindliches Beschnuppern – vielleicht der effizienteste Weg zur Stellenbesetzung. Das geht natürlich nur, solange die zugrundeliegende Ausbildung passt.

Mehr Informationen auf: Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.getemed.de, Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.bbraun.de, Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.karlstorz.de