Fachkraft gesucht
Krebsvorsorge

Die rechte Hand

Kein operierender Arzt kommt ohne Helfer aus. Jetzt vermittelt eine Zusatzausbildung zum Arztassistenten die hierfür erforderlichen Kompetenzen.

Ärzte operieren, aber um sich dabei gut auf die entscheidenden Handgriffe konzentrieren zu können, sind sie auf kompetente Assistenten angewiesen.
Diese Kompetenz vermittelt die Steinbeis-Hochschule in Berlin mit der neuen Ausbildung zum Physician Assistant.

Sieben Uhr morgens. Gleich kommt der erste Patient in den Operationssaal. Katrin Klünner schaut noch einmal in die Akte, macht sich mit dem Fall vertraut. Ein aorto-koronarer Venen-Bypass. Routine am Deutschen Herzzentrum in Berlin (DHZB) – eine solche Bypass- Operation an den Herzkranzgefäßen steht mehrmals täglich auf dem Programm. Katrin Klünner lädt den Film auf den Bildschirm, der dem Chirurgen zeigen wird, wo genau die verengten Gefäße sind. Dann wird der narkotisierte Patient in den Saal gebracht. Katrin Klünner lagert ihn richtig, desinfiziert ihn und deckt den Körper ab. Dann kommt der Chirurg, die Operation beginnt.

Seit zwölf Jahren schon ist Klünner am DHZB bei solchen Operationen am OP-Tisch mit dabei. Doch früher übte die gelernte Krankenschwester dabei die Rolle der OP-Schwester aus. Sie reichte Tupfer, Skalpell, Faden. Seit Januar 2009 ist das anders. Seither ist sie es, die sich diese Instrumente anreichen lässt. Sie selbst setzt jetzt Schnitte und verschließt Wunden. Im Fall einer Bypass-Operation etwa entnimmt sie dem Patienten am Bein die ‚vena saphena magna‘. Aus dieser großen Vene wird der Herzchirurg den Bypass konstruieren, um die verengten Herzgefäße zu umgehen.

In den USA wird die Zahl der Physician Assistants bereits auf über 70.000 geschätzt. Ihr Tätigkeitsfeld liegt zwischen denen von Arzt und Krankenpfleger

Klünner hat nicht Medizin studiert und ist auch keine Ärztin. Dass sie jetzt im OP-Saal des DHZB unter Aufsicht des ärztlichen Direktors, Prof. Roland Hetzer, dennoch die Aufgaben sowohl der ersten als auch zweiten Assistenz ausführen darf, liegt an einer Zusatzausbildung, die es in Deutschland erst seit 2005 gibt und zu deren ersten Absolventen die Berlinerin gehört. Die dreijährige Ausbildung an der Steinbeis-Hochschule Berlin hat ihr den Titel „Bachelor of Science“ im Fach „Physician Assistance“ (PA) gebracht. Auf Deutsch würde man vielleicht Arztassistentin sagen, aber bisher ist in der Zunft auch hierzulande eher vom Physician Assistant die Rede. Mit dieser Zusatzausbildung hat die Steinbeis-Hochschule in Deutschland zwar Neuland betreten. In den USA jedoch gibt es diesen Beruf, dessen Tätigkeitsfeld irgendwo zwischen Krankenpfleger und Arzt angesiedelt ist, schon seit den 1960er-Jahren. Heute schätzt der dortige Berufsverband die Zahl der aktiven „PAs“ auf fast 70.000.

Diese Zahl dürfte in Deutschland so schnell nicht erreicht werden. Nach wie vor ist die Steinbeis-Hochschule die einzige Ausbildungsstätte, und jeder der drei aktiven Studienjahrgänge besteht „nur“ aus etwa einem Dutzend Teilnehmer. Diese rekrutieren sich vor allem aus Pflegekräften. So wie Katrin Klünner, die sich beruflich weiterentwickeln wollte, aber fand, dass es mit Mitte 30 zu spät für ein Medizinstudium sei. Die Ausbildung dagegen konnte sie parallel zu ihrem Job am DHZB machen – und dadurch auch finanzieren. Die Erfahrungen mit dem ersten Jahrgang zeigen, dass die meisten an ihrem alten Arbeitsplatz weiterarbeiten. Dabei sind sie aber vielseitiger einsetzbar als vorher.

„Dieses Berufsbild füllt eine Lücke in Deutschland“, glaubt Frank Merkle, einer der Direktoren der Steinbeis-Hochschule und Medizinpädagoge am Deutschen Herzzentrum Berlin. Die Idee, auch in Deutschland Artzassistenten für die operative Medizin auszubilden, ging von den Herzzentren in Berlin und Lahr/Baden aus. Partner bei der Umsetzung wurde dann die Steinbeis-Hochschule in Berlin. Es sei keinesfalls Zufall, dass der Anstoß für ein solches Berufsbild ausgerechnet aus der Herzchirurgie kam, glaubt Merkle. „Bei den dortigen Eingriffen gibt es ein hohes Maß an Standardisierungen. Das erlaubt des dem operierenden Arzt, bestimmte praktische Arbeitsschritte einer Operation gut an Helfer abzugeben.“

Inzwischen sei aber auch die Unfallchirurgie auf das Programm aufmerksam geworden. „Auch dort ist ja viel standardisiert, so dass es ganz bestimmt auch ein probates Modell sein könnte“, so Merkle. In der Krebs-Chirurgie sei der Einsatz von Physician Assistants dagegen weniger realistich, glaubt der Medizin-Pädagoge. Nach ihrem ersten Jahr in der neuen Rolle hat Katrin Klünner ihren Schritt nicht bereut. Ihr Spektrum hat sie erweitert, die Arbeit ist interessanter, vielseitiger und verantwortungsvoller geworden. Und sie kann sich immer noch weiterentwickeln. Jetzt sei zum Beispiel geplant, dass sie am Ende der Operationen auch das Verschließen des Brustkorbs mit den sogenannten Draht-Cerclagen übernehmen könne, so die Arztassistentin. Eine Tätigkeit, von der sie bei ihrer Schwestern- Ausbildung vor 20 Jahren nicht mal geträumt hätte.

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