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Man lernt nie genug – auch im Gesundheitswesen:
Berlin und Brandenburg mischen bei der Ausbildung ganz vorne mit.
Medizinstudium mal anders
Charité-Universitätsmedizin Berlin

- Dr. Wolf Blaum absolvierte ab 1999 als einer der ersten Studenten den damals neuen Reform- studiengang Medizin an der Charité.
"Wann habt ihr denn Euren ersten Patienten gesehen?“ Auf diese Frage antworten Medizinstudenten üblicherweise mit: „Im fünften Semester“. Denn erst dann beginnt der sogenannte „klinische Teil“ des Medizinstudiums. Die ersten vier Semester, das „Vorklinikum“, ist dagegen randvoll mit theoretischem Rüstzeug, von Anatomie über Biologie, Chemie und Physik bis zu Histologie. Für manche eine trockene Durststrecke.
Doch es gibt auch Medizinstudenten, die es schon gleich im ersten Semester mit konkreten Patientenfällen zu tun bekommen. Zum Beispiel an der Charité in Berlin. Seit mittlerweile zehn Jahren wird dort, parallel zum klassischen Regelstudiengang Humanmedizin, alternativ der sogenannte Reformstudiengang angeboten. 63 Plätze stehen dafür alljährlich zur Verfügung.
Die ärztliche Praxis gleich von Anfang an ins Studium zu holen, war eines der Hauptanliegen, das die Initiatoren antrieb, als sie das alternative Studienmodell erarbeiteten. Die entsprechende Arbeitsgemeinschaft hatte sich bereits 1989 formiert, seinerzeit hervorgegangen aus bundesweiten Studentenunruhen. „Diese Gruppe hatte das Ziel, mit der Ausbildung noch besser auf das Berufsbild ‚Arzt‘ vorzubereiten“, so Dr. Wolf Blaum. Der Mediziner gehört zum ersten Jahrgang, der im Wintersemester 1999/2000 das reformierte Studium in Berlin aufnahm. Inzwischen ist Blaum promovierter Arzt und arbeitet in der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin an der Charité.
Den Reformstudiengang hält er nach seinen eigenen Erfahrungen für eine so gute Sache, dass er dieser auch weiterhin verbunden ist. Neben seinem Klinik-Job, einer halben Stelle, ist er außerdem als Leiter der Infrastruktur am Trainingszentrum für ärztliche Fertigkeiten (TÄF) beschäftigt. So heißen die Charité-Räumlichkeiten an der Invalidenstraße, in denen das Reformstudium erfolgt. Große Hörsäle wird man hier allerdings vergeblich suchen. Massenvorlesungen gehören nicht zum Konzept. „Im Reformstudiengang wird das Wissen in Seminaren, Übungen oder in Fallbesprechungen mit Kleingruppen vermittelt“, so Blaum. Maximal seien dabei 20 Studierende gleichzeitig anwesend. Die Dozenten treten als Moderierende auf, weniger als Alleinvortragende. ‚Problemorientiertes Lernen‘ ist ein wichtiges Grundmotiv bei der Erarbeitung von Lerninhalten.
Ein wesentliches Merkmal des Reformmodells ist auch das Bemühen, einzelne Elemente des klassischen Studiengangs passender miteinander zu verzahnen. Beispiel Herzinfarkt. „Im Regelstudium lernt man im ersten Semester etwas über die Anatomie des Herzens, im vierten dann vielleicht die Biochemie während eines Herzinfarkts, und im achten Semester kommt ein Student zum ersten Mal mit einem Infarktpatienten in Berührung.“ Das Reformstudium versuche dagegen, dies alles gemeinsam zu behandeln – dann, wenn es um Herzkrankheiten geht. Auf diese Art werden in den ersten fünf Semestern Schritt für Schritt alle Organe möglichst ganzheitlich abgehandelt. In den höheren Semestern liegen die Schwerpunkte des Studiums dann auf den einzelnen Lebensphasen und ihren jeweiligen Krankheitsbildern.

- Frühe Praxis: Studierende des Reformstudiengangs Medizin üben Hals-Nasen-Ohren-Untersuchungen am Modell.
Neben dieser sogenannten Blockstruktur des Studiums ist ein weiteres markantes Element der Wunsch, den angehenden Ärzten auch kommunikative Kompetenz zu vermitteln. So werden auch Unterrichtseinheiten angeboten, in denen etwa die Gesprächsführung mit Patienten geübt wird. Später soll das dabei helfen, auch über schwierige Inhalte.
Auch wenn die Herangehensweise an die Stoffvermittlung im Reformstudiengang in vielerlei Hinsicht im völlig anders ist, eines ist am Ende für alle deutschen Medizinstudenten gleich: die Prüfungen zum Staatsexamen. Dieser Umstand liefert zugleich Anhaltspunkte, wie gut die reformierte Ausbildung wirklich ist. Bisher gebe es keine Hinweise darauf, dass ‚Reformstudenten‘ schlechtere Abschlüsse machten, so Wolf Blaum vom Pionierjahrgang. „Tendenziell sind die Ergebnisse sogar besser. Sicher ist, dass Reformstudenten mehr Freude am Studium hatten.“ Zu viel reine Theorie würde eben nicht selten wie eine Motivationsbremse wirken.
Eine frisch angefertigte Erhebung zur Studienzufriedenheit sieht ebenfalls das Reformmodell vorn. Qualität der Lehre, Vermittlung von Kompetenzen, Organisation des Studiums und auch das Klima unter den Studierenden – all das wurde sowohl von Studenten als auch von Absolventen des Reformstudiums besser bewertet. Interessanterweise empfanden sie dabei aber weniger Leistungsdruck als ihre ‚Regel‘-Kommilitonen. Zur Teilnahme am Berliner Reformstudiengang gehört aber auch Glück: Die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen weist Erstsemestern lediglich eine bestimmte Hochschule zu, also etwa die Charité Universitätsmedizin in Berlin.
Alljährlich erhalten 630 Studenten eine Zusage, davon 315 im Wintersemester. Die für das Winterrsemester Zugelassenen können sich anschließend für den Reformstudiengang bewerben. Die zur Verfügung stehenden 63 Studienplätze werden unter ihnen ausgelost. Wolf Blaum glaubt, dass das reformierte Studium den Standort Berlin beliebter gemacht hat: „Seit es diese Variante gibt, haben sich die Bewerbungen für Berlin verdoppelt.“
Mehr Informationen auf:
www.reformstudiengang-medizin


